Bestandsaufnahme: Zeitgenössische Kunst in China

Die Kunst in China durchlief in den letzten Jahrzehnten einen ebenso drastischen Wandel wie das Land selbst. Unsere Autorin Alice Schmatzberger erklärt, welchen Einfluss Politik und Alltag auf diese Veränderungen hatten.

Miao Xiaochun Disillusion-Still

Miao Xiaochun, Disillusion (still), 2009/10 / Foto: courtesy of the artist

Als Kulturraum mit enorm langer Tradition war China immer schon Objekt westlicher Fantasien, Hoffnungen und Projektionen. Pritzker Preisträger Wang Shu meint dazu:

„The imagination and the real reality about China: I think many people are interested in China, but most of the talk about China is from their imagination.“

Aber welche Wege führen dazu, die „Vorstellungskraft“ Stück für Stück durch Facetten der „Realität“ zu ersetzen? Neben wirtschaftlichen Analysen oder historisch-politischen Exegesen ist es wertvoll, einen Blick auf das zeitgenössische Kunstgeschehen zu werfen. Neben dem rein ästhetischen Genuss hilft dies auch, Kultur und Gesellschaft, in der künstlerische Arbeiten entstehen, besser zu verstehen – denn in Reaktion auf politische und soziale Umstände ändern sich die von Künstlern gewählten Motive, die dargestellten Symbole oder auch die künstlerischen Medien.

 

Von Mao bis Deng: aus Ablehnung wird Öffnung

In der Ära Mao Zedongs, insbesondere in den Jahren der Kulturrevolution, war der Bruch mit den Traditionen der Vergangenheit ebenso gefordert wie ein Aufgreifen westlicher Moderne unmöglich war. Die künstlerischen Darstellungen – egal ob in der Malerei, der Literatur oder der Musik – hatten im Dienste eines revolutionäre Realismus genau definierten Vorgaben zu folgen.

Dies änderte sich beinahe schlagartig mit der Ära Deng Xiaopings und seiner Reform- und Öffnungspolitik. Die dadurch initiierten wirtschaftlichen Transformationen sowie die ab den 1990er Jahren einsetzenden Globalisierungsprozesse wurden auch in Verschiebungen des sozialen Gefüges manifest. In der bildenden Kunst führen diese schnell erfolgenden Entwicklungen nach wie vor zu teilweise völlig neuen Phänomenen.

Wang Wo installation view

Wang Wo, Installationsansicht Hipp Halle, Gmunden 2013 / Foto: courtesy of the artist

 

There’s more out there than Ai Weiwei!

Schade nur, dass der Blick Europas (ja, so pauschal kann man das durchaus sagen) auf die chinesische Gegenwartskunst nach wie vor so eindimensional ist – und teilweise auch scheinheilig. Man hält meist an jenen Künstlern fest, die bereits in den 1990er Jahren zu sehen waren. In dem man sich der Vielschichtigkeit des jüngeren Kunstschaffens verschließt, macht man es sich bequem und kann gleichzeitig an den eigenen Stereotypen festhalten – was sich am Umgang mit dem Künstler Ai Wei Wei beispielhaft zeigt.

GIGE2011

China International Gallery Exhibition 2011, Beijing

In den 1970er und 80er Jahren war er als Mitglied der Stars Group Teil der chinesischen Avantgarde und von daher ein relevanter kunsthistorischer Akteur. Als zeitgenössischer Künstler hat er allerdings in China selbst lange nicht diese Bedeutung, die ihm der Westen zuschreibt. Er ist vielmehr eine politische Figur, die man im Westen benutzen kann, um – aus Angst vor der zunehmenden Bedeutung Chinas? aus einer Art post-kolonialer Arroganz heraus? aus Bequemlichkeit? – China vordergründig zu kritisieren. Und dabei geht es kaum jemals um eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten.

 

Vom Made in China zu Created in China

Im Zuge seines Aufstiegs zum globalen Akteur hat China auch seine wirtschaftliche Strategie neu fokussiert: weg vom Made in China hin zum Created in China. Das bietet auch der Kunst im 21. Jahrhundert neue Rahmenbedingungen und verleiht ihr zusätzliche Bedeutung; „art as a tool“ wie Adrian Cheng, Gründer der K11 Art Foundation (Hong Kong) es bezeichnet – als Ausdruck der Soft Power, als eine Form von Kreativität und damit der forcierten Creative Industries, als Teil der aktuellen Kultur- und Wirtschaftspolitik, die sich unter anderem in einem Boom an neuen Museen und Kulturzentren manifestiert.

ArtBeijing09

Wie auch schon in meinem letzten Artikel skizziert, zeigt sich die zeitgenössische chinesische Kunst in den letzten Jahren mit einer neuen, äußerst spannenden künstlerischen Vielfalt – also, Leute, geht raus und schaut sie euch an! Hier noch ein paar Beispiele.

 

Fotografie und digitale Medien

Die Fotografie, die in Europa bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Künstlerkreisen verankert war, hat in China bis in die 1990er Jahre hinein kaum eine Bedeutung im Kunstschaffen. Dann jedoch geht alles unglaublich rasch (quel surprise): Fotoapparate und Videokameras werden verfügbar, Computer und Internet kommen schnell hinzu. Dies ermöglicht völlig neue Ästhetiken und Bildfindungen in der chinesischen Kunst. Immer wieder erzählen Künstler darüber, wieso sie ab den 1990er Jahren vermehrt mit Fotografie bzw. Video zu arbeiten begannen.

„I came to Beijing in 1993, and in the beginning I thought I would work in traditional painting“, erzählt Künstler und Fotograf Wang Qingsong mir. „Then, around 1996, the country underwent a lot of transformations, drastic societal changes, and I felt that painting wouldn’t be appropriate to capture this rapid modernization. That’s why I switched from painting to photography.”

Xu Lijing Maybe 17

Xu Lijing, Maybe N°17 (series), 2010 / Foto: Xu Lijing, courtesy of the artist

 

Die Öffnung verändert die Motive

Es ändern sich aber auch die dargestellten Motive. Relativ unvermittelt beginnen Künstler plötzlich, sich selbst in irgendeiner Form ins Kunstwerk zu integrieren: beispielsweise als Zuschauer einer Szenerie, in Verkleidung oder durch Zurschaustellung von Körperpartien. Dies ist umso erstaunlicher, als es – unter anderem aufgrund der philosophischen Grundierung Chinas – im Bereich der Selbstdarstellung keinerlei Tradition gibt. Individualität war von jeher stark tabuisiert. Die sich bereits ansatzweise abzeichnenden Tendenzen zur Individualisierung im Spannungsfeld einer traditionell kollektiv orientierten Gesellschaft werden in diesen zeitgenössischen Kunstwerken besonders deutlich und gleichzeitig äußerst subtil sichtbar gemacht.

Caochangdi

Urbanisierung ist ein weltweites Phänomen, das in China typischerweise in schnellerer Geschwindigkeit und in größerem Ausmaß stattfindet. Und sie stellt eine der aktuellen politischen Prioritäten Chinas dar. Konkret manifestiert sich diese Entwicklung beispielsweise in beeindruckenden Architekturen, als Stadterweiterung in die Vertikale und die Horizontale, im Abriss einzelner Straßenzüge oder ganzer Stadtviertel, in neuen urbanen Codes, in Umsiedlung und Verschiebungen im sozialen Zusammenleben, in Heterogenität oder in einer neuen Jugendkultur. So wird das Phänomen der modernen Großstadt und das Leben ebenfalls zu einem der wichtigen Themen der chinesischen Gegenwartskunst.

 

Text: Alice Schmatzberger