Ausstellungstipp: Wiedergeburt der Unsterblichkeit

„Wiedergeburt der Unsterblichkeit – Zeitgenössische Kunst aus China“ heißt eine Ausstellung, die derzeit im oberösterreichischen Wels zu sehen ist. Wir sagen euch, warum sich der Besuch lohnt!

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Ausstellungsansicht Museum Angerlehner, 2015 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy Museum Angerlehner

„Wiedergeburt der Unsterblichkeit“ präsentiert Werke von 42 Künstlern, die sich im China des 21. Jahrhunderts intensiv mit Werten und Traditionen im eigenen Land auseinander setzen. Der Großteil dieser Arbeiten ist erst innerhalb letzten fünf Jahre entstanden. Was hier gezeigt wird, hat wenig mit den in Europa bisher immer wieder ausgestellten Arbeiten chinesischer Gegenwartskünstler zu tun. Geboten wird vielmehr ein im Westen noch kaum bekannter neuer Zugang an das zeitgenössische Kunstschaffen: weniger direkt, weniger laut, statt dessen eher zart und manchmal auch kühl in der Ästhetik. Auf subtile und vielfältige Weise werden dabei Bezüge zur chinesischen Weltsicht hergestellt.

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Shi Jiongwen (links), Donghuamen, 2015. Yang Qian (rechts), Snow Media No.1 bzw. No.2, 2013. Luo Peng (Vordergrund), The Description of the Structure for the Pine, 2014 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artists

Die in Europa bekannten Künstler aus China, insbesondere jene aus der sogenannten ersten Generation, haben zweifelsfrei den Weg zu einem zeitgenössischen Kunstschaffen im China der Nach-Mao-Zeit eröffnet. Ohne deren Pionierarbeit, ohne ihr Fruchtbar-machen der westlichen Kunststile des 20. Jahrhunderts für das China Deng Xiaopings wäre zeitgenössische chinesische Kunst kaum auf der internationalen Landkarte aufgetaucht, hätten die wesentlichsten Impulse für die Erneuerung der Kunst gefehlt. Letztlich bezog sich diese künstlerische Auseinandersetzung jedoch auf einen sehr spezifischen – und ganz kleinen – Abschnitt in der Geschichte des modernen Chinas.

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Guan Jingjing, Reminiscent Mountain 14-05, 2014 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artist

Für die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts sind jedoch auch ganz andere Positionen von Relevanz. Die in vielen Bereichen festzustellende Fokussierung auf chinesische Werte und die traditionelle chinesische Kultur spiegelt sich auch im zeitgenössischen Kunstschaffen wider – ohne jedoch einfach da weiter zu machen, wo die alten Meister vor hundert Jahren aufgehört haben. Im Vordergrund steht dabei die Suche nach der eigenen, modernen Identität abseits der mit der Globalisierung einher gegangenen westlichen Werte. Im Referenzieren des zeitgenössischen Kunstschaffens auf klassische chinesische Ästhetik bzw. Philosophie fungiert Tradition als ein neuer Impulsgeber.

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Shao Yinong, Nine Branch Lines, 2013 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artist

Im Interview betont Liang Kegang, Co-Kurator der Ausstellung und selbst Kunstschaffender, die Rolle des Künstlers als Vorreiter oder auch Sensor, dessen Aufgabe mit Ausstellungen wie dieser auch darin besteht, „to tell people how we think traditional China is becoming blurred.“ Er betont dabei auch die Notwendigkeit, nicht mehr einen Weg der Anpassung an das westliche zeitgenössische Kunstschaffen zu gehen, um dort vielleicht Akzeptanz zu suchen oder Kunstmarkt-kompatibel zu sein.

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(v.l.n.r.) Chen Xi, o.T., 2012. Li Gang, Ink and Water Element NO.2012111, 2012. Feng Lianghong, The Reed, 2015. Yu Fan (Vordergrund), Wrapped Horse 2, 2012 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artists

Für die zentrale riesige Ausstellungshalle im Museum Angerlehner wurde eine wunderbare Raumlösung entwickelt, die sich an den Gestaltungsprinzipien für chinesische Gärten orientiert. Diese sollen in der Harmonie ihrer gestalterischen Gesamtheit aus Pflanzen,

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Jia Zhenyao, Ease Circumstance, 2015 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artist

Steinen, Wasser, Wegen und Gebäuden ein Abbild eines idealen Universums repräsentieren. Meist gibt es einen konkreten markierten Eingangspunkt, innerhalb der Ausstellung repräsentiert durch Guo Gongs Arbeit „Pine“: Ein Pinienzweig (steht für Langlebigkeit beziehungsweise Unsterblichkeit) mit unbeschriebener Schriftrolle soll dem Betrachter, wie auch beim Begehen eines chinesischen Gartens, Raum für Kontemplation bieten.

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Guo Gong (rechts), Pine, 2015. Liang Shaoji (links), Snow Cover, 2013-14. Tan Xun (Vordergrund), 10.6m2, 2012. / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artists

Der Weg durch die Ausstellung ist durch Raumteilungen und Wegkrümmungen vorgezeichnet, wie im chinesischen Garten gibt es keine geraden Sichtachsen, dafür Elemente, die Andeutungen und Durchblicke in jeweils andere Teile des Gartens – und des Ausstellungsbereichs – ermöglichen.

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Liang Kegang, Handcuffs, 2007 / Foto: Alice Schmatzberger; Courtesy of the artist

Das gedankliche Prinzip vom konstanten Wandel der Dinge, die Suche nach Zugehörigkeit in einer Welt des Vergänglichen, jenseits der Materialität, Buddhismus, Daoismus, das Konzept des alle innewohnendem Qi – all dies sind Facetten der chinesische Sicht auf die Welt. Genau dieses flüchtige Moment, diese Ästhetik des Flüchtigen wohnt vielen Arbeiten in der Ausstellung „Wiedergeburt der Unsterblichkeit“ inne. Der Fokus auf Innerlichkeit und auf Kontemplation in einer lauten globalisierten Welt ist in dieser Ausstellung nicht nur ästhetisch zu erfahren, sondern auch physisch spürbar.

Sowohl die Strategie der Kuratoren als auch die begleitenden Katalogtexte tragen dem in vollem Umfang Rechnung. Es findet sich kein Rekurs auf die politische Situation in China, auch keine betulich vorgebrachten Forderungen an die Künstler, sich doch politisch zu äußern. Diese Ausstellung lenkt den Blick auf die ungeheure Vielfalt und Kreativität im zeitgenössischen chinesischen Kunstschaffen und zeigt, was sich seit den Anfängen einer zeitgenössischen Kunst und vor allem durch die Überwindung des westlichen Initiationsimpetus dort tut, in welcher Vielfalt chinesische Künstler heute arbeiten und welche spannenden Kommentare sie in Reaktion auf die gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln.

Also: hingehen, anschauen!

Die Ausstellung Wiedergeburt der Unsterblichkeit läuft bis 1. November 2015. Museum Angerlehner, Thalheim bei Wels (Oberösterreich).