Ai Weiwei: nicht heuchlerisch, sondern mutig

Wer im Kulturbereich etwas auf sich hält, hat auch eine Meinung zu Ai Weiwei. Doch die Zeiten des Lobes scheinen vorbei, denn Ai-Bashing wird immer populärer. Mit zweifelhaften Argumenten, findet Rike Pätzold.

Ai-Weiwei-Haust-der-Kunst

Ai Weiwei Installation an der Fassade von Münchens Haus der Kunst / Foto: Wikimedia

Wer ihn gut findet, führt sein Dissidententum in den Ring. Seine Kompromisslosigkeit, seinen Mut, seine Kraft sich gegen das (vom Westen ohnehin verteufelte) Regime zu stellen. Sie besingen sein Talent und seine Ausdruckskraft, mit der er eindrucksvoll „mit uns im Westen ein Gespräch über China führt“.

Seine Kritiker argumentieren, seine Kunst sei naiv, bedeutungslos und vor allem für und in China selbst nicht relevant. Als Dissident sei er nicht ernst zu nehmen und obendrein werfe er ein falsches Bild auf die Situation der chinesischen unpolitischen Gegenwartskünstler – von 21China zuletzt die „lebendige Szene der freien Gegenwartskunst“ genannt.

 

Freie Kunst in einem unfreien Land?

Die erste Frage, die sich mir hier aufdrängt ist: Kann chinesische Gegenwartskunst frei sein? In einem Land, in dem jede Ausdrucksform stark überwacht und eingeschränkt wird, ist man als Künstler schnell politisch, wenn auch ungewollt.

Zuoxiao Zhuzhou ist Musiker, und zwar ein recht erfolgreicher. Zumindest war er das, bis er anfing Mikroblogs zu schreiben und sich Ai Weiwei als Freund zulegte. Da war es schnell vorbei mit seiner Musikkarriere: Die Polizei verhindert seitdem jeden seiner Auftritte. Zuzhou sagt über sich selbst, er sei nicht politisch: „Ich schreibe als Mensch, der menschlich sein und Menschlichkeit sehen will. Darum geht’s. Wie Menschen hier behandelt werden.“

Auf der anderen Seite steht Cai Guoxiang. Cai ist ein weiterer, übrigens auch in China sehr erfolgreicher Gegenwartskünstler. Er hat bereits weltweit ausgestellt, unter anderem im New Yorker Guggenheim Museum im Rahmen einer Einzelausstellung. Berühmt geworden ist er mitunter für seine Explosionskunst – das Feuerwerk der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking 2008 war von ihm.

Er gilt für viele als die Leni Riefenstahl Chinas, seine Kunst sei Propagandakunst, und er werde von der chinesischen Regierung hofiert. Selbst sagt er, er sei älter geworden und bereit für sein Land zu arbeiten.

 

Unpolitisch gibt es nicht

Diese beiden Beispiele zeigen, dass es den unterdrückten politischen Künstler und den in Frieden gelassenen unpolitischen Künstler so nicht gibt. Vielmehr durchdringt die Politik das Leben aller und wird so – ob gewollt oder unabsichtlich – zum alles bestimmenden Faktor.

Als Künstler wird Ai immer wieder Naivität und Bedeutungslosigkeit vorgeworfen. Aber ab wann ist Kunst eigentlich bedeutend? Im Film Der Club der toten Dichter sollen die Schüler eines neuenglischen Eliteinternats eine Methode lernen, mit welcher der Wert eines Gedichts bemessen werden kann. John Keating, der junge und mutige Englischlehrer (gespielt von Robin Williams) hält davon nichts und lässt die betreffende Buchseite kurzerhand heraus reißen. Seine Botschaft: Poesie ist nicht messbar, man kann sie nur fühlen. Dasselbe gilt für Kunst, entweder sie sagt einem etwas oder eben nicht.

 

Ai Weiwei ist kein Opportunist

Ai-Weiwei-Tate-Modern

Eindeutige Botschaft von Londons Tate Modern Gallery / Foto: Elke Wetzig (Wikimedia Commons)

Abschließend noch ein Wort zu Ais vermeintlich lauwarmen Dissidententum: Aus unserer gemütlichen Demokratie und Meinungsfreiheit heraus mit dem Finger auf ihn zu zeigen und ihm Heuchelei und Opportunismus vorzuwerfen, ist vermessen und obendrein selbst heuchlerisch.

Ob sein Vorgehen letztlich zu einer Veränderung führt oder nicht, sei dahin gestellt. Es ist aber in jedem Fall mutig, sehr mutig. Dass es uns oft schwer fällt, das anzuerkennen, sagt mehr über uns und unsere Gesellschaft als über Ai Weiwei.

 

Text: Rike Pätzold