Ai Weiwei: Kunstikone Made in Germany

Heute startet in Berlin die bislang größte Ai Weiwei Einzelausstellung. In Deutschland wird Chinas Exportstar gefeiert wie in keinem anderen Land. Eine kritische Auseinandersetzung bleibt meist auf der Strecke.

Ai Weiwei Evidence

Ai Weiwei (2012) / Foto: Cao Yuan

Angesichts der bevorstehenden Ai Weiwei Ausstellung Evidence im Berliner Martin-Gropius-Bau überschlugen sich die deutschen Mainstream-Medien dieser Tage wieder mit Lobeshymnen für Chinas Vorzeigekünstler. „Ai Weiwei ist in seiner Wirkung eine Mischung aus Ghandi und Picasso“, schreibt der Spiegel. Die Berliner Zeitung sieht in ihm gar den „Buddha der Zukunft, eine messianische Figur.“ Und die Frankfurter Rundschau titelt: „Die einfache Wahrheit.“

Man könnte zynisch anmerken, deutsche Medien berichteten so kritisch über Ai wie chinesische Staatsmedien über das politische System Chinas. Dass Ai Weiwei einer der bekanntesten Künstler unserer Zeit ist, der mit seiner bisweilen genialen Arbeit unbequeme Wahrheiten ans Licht bringt, ist unumstritten. Aber hat er wirklich einen Anspruch auf die Wahrheit?

Ais Kunst stärkt Vorurteile

Ai Weiwei Han Dynastie Vasen mit Autolack (2014)

Ai Weiwei – Han Dynastie Vasen mit Autolack (2014) / Foto: Mathias Völzke

Ai Weiwei gilt als Meister der Vereinfachung. Viele seiner Werke sind auch für Laien leicht zugänglich. Doch die Vereinfachung ist immer nur ein Modell und kein Spiegelbild der Realität. Ai zeigt nur Ausschnitte der komplexen chinesischen Gesellschaft und konzentriert sich nur auf das Wesentliche. Für inhaltliche Details ist in seinen Werken kaum Platz. Auch wenn Ai in ihnen Wahres ausdrückt: China ist keinesfalls so bipolar, wie er stets betont. Es gibt im Reich der Mitte nicht nur die ganz oben und die ganz unten, sondern auch Vieles dazwischen. Das spart er jedoch aus, um Konflikte zu verdeutlichen – ein legitimes Mittel.

Wer sich allerdings nur oberflächlich mit dem Thema China auseinandersetzt, könnte Ais Arbeit auch falsch verstehen. Verantwortlich dafür ist die blinde Begeisterung vieler Deutscher für einen unterdrückten Regimekritiker gepaart mit oberflächlichem Chinawissen. Und so kann „die einfache Wahrheit“ Ais schnell zu einer ziemlich plumpen Meinung führen. Auf diese Weise stärkt er mitunter typische Vorurteile.

Ein Beispiel ist Ais Inszenierung seiner Unterdrückung. Die Dokumentation der Repressalien gegen ihn ist auch zentrales Element seiner Ausstellung im Gropius-Bau. Mit seiner Kunst arbeitet er die eigenen Erlebnisse auf und macht sie für den Betrachter nachvollziehbar. Doch viele Deutsche glauben wegen Ai auch, dass das Leben jedes freien Künstlers in China von der ständigen Unterdrückung durch das Regime bestimmt wird. Auch wenn sich die Situation seit dem Amtsantritt Xi Jinpings für einige Künstler verschlimmerte, existiert in der Volksrepublik dennoch eine lebendige Szene der freien Gegenwartskunst - auch wenn Tabuthemen natürlich tabu bleiben. Nur: darüber wissen die wenigsten Deutschen etwas.

Zwischen Kritik und Missgunst

Im deutschsprachigen Raum schwelt unter Kennern der chinesischen Kunstszene bereits seit Längerem der Ärger über Ais überbordende Beliebtheit. Doch wer sich öffentlich gegen die Kunst Ai Weiweis stellt, läuft in Deutschland schnell Gefahr, als Panda-Hugger abgestempelt zu werden. Anders als in anderen westlichen Ländern bleibt dem Chinesen in Deutschland Kritik so größtenteils erspart.

In Großbritannien hingegen stellte Telegraph-Autor Alastair Smart bereits 2011 die Frage: „Ist seine Kunst eigentlich gut?“ Das amerikanische Polit-Magazin The New Republic titelte „Wundervoller Dissident, furchtbarer Künstler“. Und Francesco Bonami, einer der einflussreichsten Kritiker und Kuratoren der Welt, ging sogar noch weiter: „Ich hasse Ai Weiwei. Ich denke, er sollte wegen seiner Kunst ins Gefängnis kommen und nicht wegen seines Dissidententums – halbherzigen Dissidententums, denn von echten Dissidenten hört man ja nie wieder etwas.“

Ai Weiwei - Hocker (2014)

Ai Weiwei – Hocker (2014) / Foto: Reschke, Steffens & Kruse, Berlin/Köln

Auch in Pekings Kunstszene erzählt man sich ab und zu unschöne Geschichten über den chinesischen Exportstar. Zum Beispiel, dass er wirklich Steuern hinterzogen habe (wie das eigentlich jeder Künstler in China mache). Oder dass er für den Abriss seines Ateliers in Shanghai eine eigentlich unübliche Entschädigung bekommen habe, weil er angeblich eine Armada von Anwälten aufbot. Ob diese Mutmaßungen stimmen oder nur von Neid und Missgunst getriebene Anschuldigen sind, lässt sich schwer beurteilen.

Denn der Missmut ist groß unter Chinas Kunstschaffenden – zu sehr definiert ihnen der Westen die chinesische Kunst über Ai Weiweis Arbeit. Die Bedeutung von Ai für die Wahrnehmung der chinesischen Kunst im Westen ist kaum zu überschätzen. Im Interview mit 21China fürchteten sich einige Künstler mehr davor, sich öffentlich zu Ais Steuerhinterziehungsvorwürfen zu äußern als zum politischen System Chinas – aus Angst vor einem Image-Schaden im Westen.

Alles nur gespielt?

Ai ist außerhalb Chinas das alles beherrschende Thema, wenn es um Kunst aus der Volksrepublik geht. Ai Weiwei ist für den Westen der chinesische Künstler schlechthin. Dabei ist er eigentlich kein typisch chinesischer Künstler, sondern ein typisch politischer. Der in Amsterdam lebende chinesische Künstler Ni Haifeng wirft Ai sogar vor, dem Westen etwas zu vorzugaukeln: „Entweder erscheint er nur so, oder aber er spielt bewusst die Rolle eines chinesischen Künstlers, der den Idealvorstellungen des Westens entspricht: als engagierter Aktivist, als Dissident, der gegen die Unterdrücker des Regimes revoltiert, als Verkörperung des westlich-demokratischen Gedankens. Manchmal kommt mir das sehr klischeehaft vor.“

Andererseits schütze ihn seine internationale Bekanntheit vor noch schlimmeren Repressionen, konstatiert Ulrike Knöffel diese Woche im Spiegel. „Es ist also ein Zustand, den er aufrechterhalten muss. Er muss im Gespräch bleiben, weltweit, dauerhaft.“ Und gleichzeitig steigt der Wert von Ais Werken mit jeder weiteren Repressalie. Ein Teufelskreis, den Ai billigend in Kauf nimmt – in Kauf nehmen muss.

Ais Kunstimperium

Ai ist darum sehr bemüht um seine Außendarstellung. Er ist ein regelrechtes Marketing-Genie. „Ja, ich bin eine Marke“, gibt er im sehenswerten Dokumentarfilm Never Sorry zu. „Ich bin eine Marke, die für liberales Denken und Individualismus steht.“ Und er ist ein Meister im Umgang mit den neuen Medien. Ai produzierte bereits Selbstporträts von sich und streute sie über seine Social Media Accounts, da gab es das Wort Selfie noch gar nicht. Doch Ai nur als Marke zu bezeichnen, wäre untertrieben. Er ist bereits zu Lebzeiten eine Ikone. In den Augen vieler Anhänger ist er sogar ein Gott – der Gott der Liebe (艾神, Ai Shen).

Als Gott der Liebe schart Ai viele Jünger um sich. Dutzende Künstler arbeiten für ihn in seinem Atelier. Es ist eine regelrechte Kunstfabrik, in der Ai die Ideen und Konzepte liefert, die seine fleißigen Helfer schließlich umsetzen; ein Kunstimperium, das ihn zum Multimillionär machte und CEO Ai viele Projekte nur noch absegnen lässt – wie zuletzt bei seinen Illustrationen für das TIME Magazine. In einem Video referiert er, wie einst Steve Jobs bei Apple, über das Cover aus dem Hause Ai. Auch wenn TIME und er die Illustrationen unter der Marke Ai Weiwei präsentieren: die Arbeit entstammt der Feder des Künstlers Wang Wo, der sie in Ais Auftrag anfertigte.

Ist Ai für Chinesen überhaupt relevant?

Viele Menschen außerhalb Chinas stellen sich die Frage, ob Ai – beschnitten von Zensur, weggesperrt, mit Reiseverboten belegt, verprügelt, auf Weibo mundtot gemacht -in seiner Heimat etwas von seiner Strahlkraft eingebüßt hat.

Mit dieser Frage beschäftigte sich auch das China-Institut MERICS vor Beginn seiner Ausstellung in Berlin. Das Ergebnis: seit 2007 gibt es kaum neue Informationen über seine Arbeit im chinesischen Internet. Der Grund: Ai gilt seit 2008 als Persona non grata, nachdem er sich 2007 von den Olympischen Spielen distanzierte und sich 2008 für die Opfer des Erdbebens in Sichuan einsetzte. Und so bleibt er auch in den klassischen chinesischen Medien höchstens eine Randerscheinung.

Ai Weiwei zeichnet beim Alten Sommerpalast (1977)

Ai Weiwei zeichnet beim Alten Sommerpalast (1977) / Foto: privat

Ais Blog erreichte bis zur Löschung 2009 jeden Monat Millionen von Internetnutzern, ebenso sein Weibo Account bis zur Sperrung im Jahr 2011. Jetzt bleibt ihm nur mehr sein Twitter-Account als Machtinstrument. Der amerikanische Mikroblogging-Dienst weist in China trotz Zensur 27,8 Millionen Nutzer auf. Ai hat auf Twitter immerhin 241.000 Follower. „Ungefähr 80 bis 90 Prozent meiner Follower sind aus China“, sagte er während der re:publica 13. Darum twittere er auch auf Chinesisch, schließlich wolle er in China etwas verändern. Doch je länger Ai von der chinesischen Öffentlichkeit abgeschirmt ist, desto schwieriger wird dieses Unterfangen. Für die breite Öffentlichkeit spielt er in China zur Zeit ohnehin keine große Rolle mehr.

Bei aller Kritik: Evidence lohnt sich

Ai Weiwei - Diaoyu-Inseln (2014)

Ai Weiwei – Diaoyu-Inseln (2014) / Foto: Mathias Völzke

Dass Ai Weiwei zu seiner bislang weltweit größten Ausstellung nicht nach Berlin reisen kann, ist tragisch. Zwar beschlagnahmten die chinesischen Behörden seinen Reisepass, jedoch hindert ihn das nicht zwangsläufig an einer Ausreise. Vielmehr spekuliert Peking auf eine Flucht des Künstlers, um ihn danach nicht mehr einreisen zu lassen. So hätte man das Problemkind endgültig außer Landes geschafft. Aber Ai möchte in China bleiben.

Auch wenn Ai nicht der größte Künstler sein mag und vielleicht auch nicht der konsequenteste Dissident, bleibt er doch ein Sympathieträger – und wahrscheinlich der in Deutschland bekannteste Chinese, obwohl viele hier seinen Namen nicht einmal vernünftig aussprechen können. Allen Chinainteressierten sei deswegen ein Besuch der Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ans Herz gelegt, um bei Evidence auf die ganz eigene Beweissuche zu gehen. Die öffentliche Ausstellung beginnt heute und läuft noch bis zum 7. Juni 2014.