Weniger Selbstmorde in China als in Deutschland

Lange Jahre lag China in jenen traurigen Statistiken weit vorne, die erfassen, wie viele Menschen sich jedes Jahr selbst töten. Jetzt aber scheint die Selbstmordrate signifikant gesunken zu sein, wie eine Studie nahelegt.

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Es war eine seltsame Nachricht, die uns vor wenigen Wochen aus der ostchinesischen Provinz Anhui erreichte. Die dortige Provinzregierung hatte verfügt, dass es ab Juni verboten werde, eine Erdbestattung durchzuführen – erlaubt seien künftig nur noch Feuerbestattungen. Mehrere alte Menschen hatten sich daraufhin umgebracht, um rechtzeitig vor Inkrafttreten der neuen Verordnung bestattet werden zu können – in einem Sarg, auf traditionelle Art und Weise.

Es sind Nachrichten wie die aus Anhui, oder jene von verzweifelten Foxconn-Mitarbeitern, die freiwillig in den Tod springen, die den Eindruck entstehen lassen, die Selbstmordrate in China sei weit höher als irgendwo sonst in der Welt. Tatsächlich bringen sich in China jedoch immer weniger Menschen um, wie der Economist berichtet. Waren es einer Lancet-Studie zufolge in den Jahren 1995 bis 1999 noch jährlich 23,2 Selbstmorde pro 100.000 Einwohner, ist diese Rate in den Jahren 2009 bis 2011 auf 9,8 gefallen, wie eine neue Studie der Universität Hong Kong zeigt. Zum Vergleich: Deutschland hatte im Jahr 2010 eine Quote von 12,3 Selbstmorden pro 100.000 Einwohner.

Die Daten für China sind freilich mit Vorsicht zu genießen – zwar gibt es offizielle Statistiken, doch weichen diese meist stark von unabhängigen Schätzungen und Untersuchungen ab. Dennoch: dass die Selbstmordrate stark gesunken ist, scheint unbestritten.

Selbstmordrate und sozialer Wandel

Auch wenn China immer noch das einzige Land ist, in dem sich mehr Frauen als Männer umbringen, sind Selbstmorde unter chinesischen Frauen stark zurückgegangen. Um 90 Prozent, so die Studie, sei die Selbstmordrate bei Frauen unter 35 in den letzten Jahren gefallen. Die Gründe dafür seien im sozialen Wandel zu suchen, der in den vergangenen Jahren auch diese Bevölkerungsschicht erreicht hat. Immer mehr junge Frauen ziehen vom Land in die Städte, wo sie zwar oftmals als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, aber immerhin dem sozialen Druck ihrer Heimatdörfer entgehen können, der viele von ihnen in den Freitod getrieben hat. Und auch in den Städten fällt mit dem Wachsen der Mittelschicht die Selbstmordrate.

Nur eine Bevölkerungsgruppe scheint von den positiven Trend ausgeschlossen zu sein: die Alten. Während die jungen Chinesen in die Städte der Ostküste ziehen, bleiben die Alten zurück in ihren Heimatdörfern – einsam und mit dem Gefühl, eine Last zu sein. Und es werden immer mehr, denn auch in China sinkt die Geburtenrate kontinuierlich, während die Menschen immer länger leben.

Sollte sich die Lage der älteren Chinesen nicht verbessern, so steht zu befürchten, dass sich der positive Trend der chinesischen Selbstmordstatistik wieder umdreht. Und uns wieder mehr Nachrichten erreichen wie jene aus Anhui.

 

Text: Sven Hauberg / Foto: up to 2011 (Flickr)