Was ist eigentlich das Hukou-System?

Die offizielle Wohnsitzkontrolle ist bekannt dafür, dass sie die Landbevölkerung im Zeitalter der Urbanisierung vor große Probleme stellt. Doch warum gibt es das Hukou-System überhaupt noch?

Wanderarbeiter in Peking

In China existiert das Hukou-System. Es dient der Wohnsitzkontrolle aller Bürger in der Volksrepublik. Aufgrund der fortschreitenden Urbanisierung und der damit verbundenen Massenlandflucht wird das System heute jedoch als überholt angesehen. Dennoch kann man das kastenartige System nicht einfach reformieren oder gar abschaffen.

 

Warum gibt es das Hukou-System?

Das heutige Hukou-System basiert auf den sogenannten Hukou-Büchern – das sind Familienregister, die es in China schon vor über 4.000 Jahren während der Xia Dynastie gab. Sie dienten vor allem der Kontrolle der Bevölkerung. Mit ihrer Hilfe ließen sich zum Beispiel Steuern eintreiben oder der Wehrdienst organisieren.

Die KP nutzte das System unter Mao schließlich zur Wohnsitzkontrolle. Durch den Hukou konnte eine Person den ihr zugeordneten Wohnort nicht mehr verlassen. Um arbeiten zu können und Essen oder andere Güter erhalten zu können, mussten die Chinesen an ihrem Bestimmungsort bleiben.

Auf diese Weise konnte die KP zwar die Überbevölkerung der Städte und die Bildung von Slums in den Vorstädten verhindern, allerdings wuchsen durch das Hukou-System auch die sozialen Unterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern.

Reformen unter Deng Xiaoping lockerten schließlich das Hukou-System, um den Bedarf an Arbeitskräften in den sich rapide entwickelnden Küstenstädten decken zu können.

 

Die Probleme des Systems

Während es damals nur manchen Bürgern gestattet war, inoffiziell umzuziehen, leben heute 150 bis 200 Millionen Chinesen nicht an ihrem offiziellen Wohnort. Doch weil sich diese Menschen in den Großstädten nicht offiziell melden können, werden sie von städtischen Privilegien ausgeschlossen. Dazu zählen unter anderem der freie Zugang zu Schulen und Universitäten oder die Inanspruchnahme von Sozialleistungen. Auch die ländliche Krankenversicherung greift nicht in den Städten, weil sie nur für Behandlungen am offiziellen Wohnort aufkommt.

Die Wanderarbeiter werden also wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Und auch ihre Arbeitgeber zeigen sich wenig barmherzig: Meistens müssen die Wanderarbeiter für billiges Geld ohne Arbeitsvertrag schuften und wohnen in notdürftigen Baracken oder übernachten gar im Freien. Hunderte Kilometer von ihren Familien entfernt, versorgen sie mit dem hart verdienten Lohn die Verwandten in der Heimat.

Läuft es jedoch gut für einen Wanderarbeiter in der Stadt, zieht immer häufiger die Familie nach. Das hat vor allem für die Kinder schwerwiegende Folgen. In den städtischen Schulen werden mittlerweile über 20 Millionen Kinder von Wanderarbeitern benachteiligt. Sie dürfen nicht an Prüfungen teilnehmen und teilweise wird ihnen der Zutritt zu den Schulen sogar ganz verwehrt.

 

Woran die Reformen scheitern

Dennoch lässt sich das Hukou-System weder einfach reformieren noch ganz abschaffen. Man befürchtet Massenmigrationen, die zum Zusammenbruch der Sozialsysteme in den Städten führen könnten. Und die ohnehin unterentwickelten ländlichen Regionen würden den Städten dann noch mehr hinterherhinken.

Zwar gibt es Städte wie Guangzhou, Shenyang oder Chengdu, wo die Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung bereits aufgehoben wurden. Doch landesweite Reformen drohen auch an den Interessen der Bauern zu scheitern. Ihnen bringt der Land-Hukou teilweise mehr als ein Stadt-Hukou, zum Beispiel wenn sie Landbesitzer sind. Nur mit einem Land-Hukou erhalten sie weiterhin Agrarsubventionen und können auf ihrem Grundstück in der Heimat bauen. Zudem fallen mit einem Land-Hukou umfangreiche Entschädigungszahlungen an, sollten die Bauern ihr Land einmal an den Staat abgeben müssen.

Die chinesische Regierung sieht trotz allem Handlungsbedarf. 2013 wurden umfassende Reformen angekündigt. Seitdem wird in China heiß darüber diskutiert, wie die Reformen umgesetzt werden könnten, um möglichst viele Chinesen von den Änderungen profitieren zu lassen.

Text: Adrian Kummer / Foto: ernop (Flickr)