Warum schwelt der Japan-Hass in China?

Das Verhältnis zwischen Chinesen und Japanern war nicht immer einfach. Vor allem die chinesische Propaganda weiß das zu nutzen. Aber hassen wirklich alle Chinesen ihre Nachbarn?

Japan-China-Südkorea

Drei ewige Streithähne: Japan, China und Südkorea? / Foto: futureatlas.com

„Wo shi hanguoren“ – „Ich bin Südkoreaner“, sagt Yuuki Fujimura in fast perfektem Chinesisch. Der junge Mann steht an einem Stand in einem Kleidermarkt in Shanghai. Woher er kommt, wollte die Verkäuferin wissen. Obwohl er sich einen chinesischen Namen gegeben hat, fällt Yuuki wegen seines Akzents und seines Aussehens als Nicht-Chinese auf. Die Verkäuferin lächelt kurz, dann verhandeln beide weiter um den Preis für eine Jeans.

„Japaner haben schlechte Karten beim Feilschen“

Yuuki ist freilich kein Südkoreaner. Er kommt aus Japan und lebt in Shanghai, um Chinesisch zu lernen. „Wenn ich zugeben würde, dass ich Japaner bin, hätte ich schlechtere Karten beim Feilschen“, erklärt er sein Versteckspiel.

Wie ihm geht es vielen seiner Landsleute. Sie wissen, dass sie in China nicht beliebt sind, leben aber hier, um zu studieren oder zu arbeiten oder reisen durch das Land. Ähnlich wie amerikanische Touristen, die mit einem Kanada-Aufnäher am Rucksack durch Europa reisen, bleiben sie dabei gerne inkognito.

200.000 Tote Zivilisten in Nanjing

Die Gründe für den Hass vieler Chinesen auf ihre japanischen Nachbarn sind historischer Natur.

Der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg von 1937 bis 1945 – von den Chinesen Kangri Zhangzheng genannt – ist vielen noch im Gedächtnis. Die japanische Armee verübte in den acht Jahren des Krieges unzählige Verbrechen an der Zivilbevölkerung – vor allem der Name Nanjing steht bis heute für das unvorstellbare Grauen. Mindestens 200.000 Zivilisten kamen damals bei Massakern in der ostchinesischen Stadt ums Leben.

Öl ins Feuer: Der Streit um die Diaoyu-Inseln

Seiner Vergangenheit hat sich Japan – anders als etwa Deutschland – nie richtig gestellt. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass John Rabe, ein Film über das Massaker von Nanjing, vor kurzem sogar in Japan angelaufen ist. Und aktuelle Konflikte – wie etwa die Streitigkeiten um die Diaoyu-/Senkaku-Inseln – gießen natürlich Öl ins Feuer der antijapanischen Ressentiments.

Die chinesische Führung weiß dabei geschickt, aus dem Hass vieler Chinesen politisches Kapital zu schlagen. Kraftmeierei und aggressives Gebahren nach Außen lenken sollen dabei von innenpolitischen Problemen ablenken.

Shitstorm gegen die People’s Daily

Aber nicht immer gelingt die Propaganda der kommunistischen Partei und ihrer Organe. Als etwa die parteitreue Zeitung People’s Daily (Renmin Ribao) am 7. Juli in einem Weibo-Post an den Jahrestag des Zwischenfalls an der Marco-Polo-Brücke erinnerte, der 1937 den Japanisch-Chinesischen Krieg auslöste, erinnerten viele Nutzer lieber daran, dass China damals von den Nationalisten regiert wurde, anstatt in die Lobeshymnen auf die kommunistische Partei als vermeintlichen Befreier einzustimmen.

Überhaupt scheint das Verhältnis vieler Chinesen zu ihren japanischen Nachbarn gespalten zu sein. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es vor allem Bewunderung für die großen Fortschritte auf gesellschaftlichen und vor allem technologischem Gebiet, die das japanische Kaiserreich nach der Meiji-Restauration 1868 gemacht hatte, während China verglichen dazu hoffnungslos rückständig schien. Viele chinesische Intellektuelle der damaligen Zeit, darunter auch spätere Kommunisten, zog es zum Studium nach Tokyo oder in andere Städte Japans. Erst der Krieg machte diesem Austausch ein jähes Ende.

China: ein gigantischer Absatzmarkt

Heute hat sich das Verhältnis umgedreht: die japanische Wirtschaft schwächelt, dem Land scheint ein schlüssiges Konzept für die Zukunft zu fehlen. China hingegen boomt. Made in Japan gilt dennoch auch in China noch immer als Garant für erschwingliche Qualität, vor allem im Automobilbereich. Und Japan ist auf diesen gigantischen Markt mit seinen 1,4 Milliarden potenziellen Kunden angewiesen.

Denoch gibt es auch in Japan immer wieder Proteste gegen China. Dem Land wird in Zusammenhang mit den aktuellen Inselstreitigkeiten Nationalismus vorgeworfen, auch die chinesische Unterdrückung der Tibeter ruft Zorn hervor.

„Natürlich hasse ich die Japaner“ – wer junge Chinesen nach ihren Gefühlen zu ihren Nachbarn fragt, hört häufig diesen Satz. Meist aber klingt er wie auswendig gelernt. Bohrt man nach, erfährt man, dass meist nicht „die“ Japaner gemeint sind, sondern der japanische Staat, der sich bis heute weigert, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Die Chinesen, so hat es den Anschein, wissen sehr wohl zu differenzieren – aller Propaganda zum Trotz.

 

Text: Sven Hauberg