Von multi-funktionalen Steckdosen zu Erlebniscamps in Klöstern – Crowdfunding in China

Crowdfunding ist auch in China angekommen. Wir geben euch einen Überblick über die wichtigsten Plattformen und die größten Projekte.

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Das Projekt “Vaters Reisfeld” auf der Crowdfunding-Plattform Zhongchouwang

Zhòngchóu (众筹) bedeutet wörtlich übersetzt „Massenfinanzierung“ und gehört erst seit 2013 zu den Neologismen der chinesischen Sprache. Gemeint ist eine moderne Form der Geldbeschaffung übers Internet: Crowdfunding. Auf den heute weltweit größten Plattformen Indiegogo und Kickstarter werden so Projekte aus unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Kultur, Design, Wissenschaft etc. finanziert.

Selbst das chinesische Staatsfernsehen berichtet bereits über Crowdfunding-Projekte in China – ganz nach dem Motto: jeder Durchschnittsmensch kann durch Crowdfunding seine Träume verwirklichen.

Ein Beispiel für einen chinesischen Crowdfunding-Erfolg ist das Projekt „Vaters Reisfeld“, welches auf der Plattform Zhongchouwang zu finden ist. Finanziert mit einer Endsumme von über 20.000 Yuan (etwa 2.500 Euro) will der Projektstarter aus Hangzhou das Wissen über den traditionellen Reisanbau, den seine Eltern in seinem Heimatdorf bis heute praktizieren, dokumentieren. Die Finanzierung läuft über das so genannte Reward-Crowdfunding, bei dem die Geldgeber als Gegenleistung für die Finanzspritze Geschenke erhalten. Im Fall des Projekts „Vater Reisfeld“ zum Beispiel werden Geldgeber mit Bio-Reis, einer Einladung zur Feldarbeit oder auch mit einem Autogramm vom Papa höchstpersönlich belohnt.

 Crowdfunding in China im Überblick

Auf der zurzeit größten chinesischen Crowdfunding-Seite namens  Demohour wird vor allem Unterhaltungselektronik vorfinanziert. Dabei kommt zuweilen auch Skurriles vor: Bei dem finanziell zurzeit erfolgreichsten Projekt wird beispielsweise die zweite Generation einer multi-funktionalen Steckdose vorfinanziert. Mit über 15.000 Vorbestellungen kamen dabei bereits über fünf Millionen RMB (etwa 640.000 Euro) zusammen.

Neben den zahlreichen Elektroprodukten befindet sich auf Demohour auch das bisher größte Crowdfunding-Kulturprojekt: Ein ästhetisch anspruchsvoller, von chinesischer Mythologie inspirierten und ein wenig nach Ghibli-Anime anmutenden Zeichentrickfilm. Die Macher des Film verfolgen ein ambitioniertes Ziel. So soll der Film chinesischen Jugendlichen das Konzept von „Glauben“ nahebringen. Hier könnt ihr euch einen Ausschnitt von dem Film anschauen.

Neben Demohour gibt es zurzeit etwa 30 weitere Crowdfunding-Plattformen. Unter anderem bietet auch das Online-Auktionshaus Taobao eine eigene Plattform an. Auf der religiösen Crowdfunding-Seite Xumishan stößt man zum Beispiel auf Angebote wie „Erlebniscamps in Klöstern“. Der Sprecher der Plattform bezeichnete jüngst in einem Interview Buddha als den wahren Erfinder des Crowdfundings.

Crowdfunding „chinesischer Prägung“

Einen Wermutstropfen gibt es bei aller Crowdfunding-Euphorie jedoch: So werden die Grundprinzipien des Crowdfundings in China nicht immer befolgt. Da Chinesen an schnellen Ergebnisse interessiert sind, werden finanzielle Mittel beispielsweise oft erst gesammelt, wenn das Projekt bereits anläuft. Dies zeigt das Beispiel eines in den USA durch Crowdfunding entwickelten speziellen Kopfhörers, der mit gleichen Geräten anderer Benutzer synchronisiert werden kann. Dieser sollte über die Plattform Demohour nach China gebracht werden, wobei die Projektstarter feststellten, dass chinesische Geldgeber das Produkt schon innerhalb eines Monats haben wollten.

Eine weitere Crowdfunding-Idee „chinesischer Prägung“: Das Internet-Unternehmen Tencent und British Council entwickelten gemeinsam eine abgewandelte Form des Crowdfundings für Wohltätigkeitsprojekte. Dieses soll die Unterstützung von Projekten durch das Teilen von Mikroblog-Einträgen ermöglichen. Das Geld dafür stellt die gemeinnützige Stiftung von Tencent zur Verfügung.

Zukunft des Crowdfundings in China

Mit einer Internetgemeinschaft von über 560 Millionen Usern hat das Modell der Massenfinanzierung in China ein unglaubliches Potential. Dennoch bleiben Anzahl der Projekte und Summen noch recht überschaubar. Wo liegt das Problem? Ein chinesischer Blogger weist auf das Misstrauen in der chinesischen Gesellschaft sowie Angst vor Betrug im Internet als Haupthindernisse hin. Auch mit der Idee des Spendens habe man sich in China noch nicht richtig angefreundet.

Die strikte Internetzensur durch die Regierung stellt einen weiteren Störfaktor dar. Dazu kommen gesetzliche Grenzen: Das so genannte Equity-Crowdfunding, bei dem Geldgeber auf Rendite hoffen können, ist in China offiziell verboten. Allerdings hat man auch in China begonnen, kleine Investitionssummen bei bestimmten Kulturprojekten zuzulassen. Experten sehen dabei Chancen, Kunst und Kultur in China besser zu fördern.

 

Text: Yan Peng