Übrig geblieben: Chinas erfolgreiche Single-Frauen

Sheng Nü (剩女), leftover women oder auf Deutsch: übrig gebliebene Frauen. Sie sind meist gebildet und beruflich erfolgreich, aber unverheiratet. In China werden sie deswegen an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Leftover Women in China

Jung, erfolgreich, unverheiratet / Foto: blueclaret (Flickr)

Zhou Jing, 29, ist nur eine von vielen Sheng Nü. Sie lebt und arbeitet erfolgreich als Immobilienmaklerin in Shanghai. Nach ihrem Master in Volkswirtschaft an der Fudan-Universität begann sie mit 25 zu arbeiten.

Lange war sie der ganze Stolz ihrer Eltern, erzählt sie. Sie unterstützten sie in ihrem Bildungsweg und waren stolz auf ihren Erfolg. Doch als sie mit 27 immer noch keinen Freund hatte, änderte sich das. Jetzt bereitet sie ihren Eltern Sorgen. Denn Jing ist „übrig geblieben“. So nennt man Frauen in China, die eigentlich schon zu alt sind zum Heiraten, aber immer noch Single.

Chinas Frauenverband verfolgt chauvinistische Ideale

Der Begriff der Sheng Nü wurde von Chinas staatlichem Frauenverband geprägt. Seit 2007 veröffentlichte er mehrere Artikel, in denen er unverheiratete, beruflich erfolgreiche und gebildete Frauen über 27 als „Übrig Gebliebene“ degradierte und sogar beleidigte. In einem dieser Artikel stellt der Verband beispielsweise die These auf, dass es hübsche Mädchen und Frauen einfacher hätten, in reiche Familien einzuheiraten. Daher versuchten „durchschnittliche oder hässliche“ Mädchen und Frauen ihre „Nachteile“ mit Bildung zu kompensieren. „Das Dramatische dabei ist, dass sie nicht erkennen, dass Frauen mit dem Alter immer weniger wert sind. Sobald sie dann ihren Master oder Doktor abgeschlossen haben, sind sie bereits alt – wie vergilbte Perlen“, so die Schlussfolgerung des Verbands.

Chinas staatlicher Frauenverband veranstaltete eine regelrechte Hetzjagd mit Parolen wie „Sheng Nü verdienen unser Mitleid nicht!“ Er beschuldigte die Frauen, falsche Prioritäten zu setzen. Statt ihre mütterliche Pflicht zu erfüllen, die Familie fortzuführen und zur Gesellschaftsstabilität beizutragen, zählten für sie nur Karriere, eigenen Wünsche und das Streben nach Unabhängigkeit. Außerdem gelten die leftover women dem Verband als zu wählerisch, weil sie keinen Mann als gut genug erachten.

Ziel der Kampagne war es junge und erfolgreiche Frauen unter Druck zu setzen und sie zum heiraten zu bewegen. Sorgen bereiten der chinesischen Regierung nämlich alleinstehende Männer. Deren Anzahl gilt es so gut wie möglich zu minimieren, denn sie sind potenzielle Unruhestifter. Die Regierung möchte daher möglichst jede Frau unter der Haube bringen.

Die Eltern machen Druck

In einer Gesellschaft, in der Hochzeit, Familie und Kinder groß geschrieben werden, fiel eine solche Kampagne auf fruchtbaren Boden – vor allem bei älteren Generationen.

Für ältere Menschen in China gilt es sogar als Gesichtsverlust, unverheiratete und kinderlose Töchter im heiratsfähigen Alter oder darüber zu haben. Hinzu kommt der sehnliche Wunsch der Eltern nach Enkelkindern. Meist bekommen unverheiratete Frauen ab Mitte zwanzig daher Druck von zu Hause. Oft preisen Eltern ihre Töchter auf Heiratsmärkten an oder schicken sie auf Blind Dates.

Erfolgreiche Frauen schüchtern Männer ein

Das Problem liegt jedoch selten beim mangelnden Heiratswillen der Frauen. Wie eine Studie von Dr. Sandy To der Hong-Kong Universität beweist, sind die Männer der Kern des Problems. Über vier Jahre begleitete Dr. To Frauen zwischen 26 und 24 aus verschiedenen Städten, die alle mindestens einen Bachelor-Ablschuss aufweisen und in höheren Positionen arbeiteten. Keine von ihnen war zu Beginn der Studie schon einmal verheiratet gewesen und alle bejahten grundsätzlich die Ehe.

Die Erfahrungen der Frauen zeigen, dass ihr Erfolg die Männer oft einschüchtert. Die Herren der Schöpfung fühlen sich schlicht unter Druck gesetzt. Deswegen weisen sie die Frauen zurück oder verlangen von ihnen, im Job kürzer zu treten. Doch dazu sind die meisten erfolgreichen Frauen nicht bereit. Die Mehrzahl der sogenannten Sheng Nü will zwar heiraten – nur nicht um jeden Preis. Und so sind es eigentlich sie, die die Männer zurückweisen.

Arme Männer und erfolgreiche Männer bleiben allein

Chinesische Männer neigen darum dazu, „nach unten“ zu heiraten – also Frauen, die ihnen unterlegen sind. Sie fühlen sich von gleich starken oder gar stärkeren Frauen in ihrer Männlichkeit bedroht. Persönlichkeit, Beruf, Erfolg und sozialer Status der Frau spielen für sie bei der Partnerwahl daher eine wichtige Rolle. Frauen orientieren sich hingegen eher an Einkommen und finanzieller Sicherheit. Allerdings gilt das nur für solche, die nicht finanziell unabhängig sind. Die Leidtragenden sind somit die finanziell unabhängigen und starken Frauen, aber auch die mittellosen Männer.

Seit Gründung der Volksrepublik 1949 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau Grundprinzip der chinesischen Rechtsordnung. Doch wie in vielen Ländern ist Gleichberechtigung in vollem Umfang nur auf dem Papier gültig. Chinas stark patriarchalisch geprägte Gesellschaft macht es Frauen oft schwer, auf ihre Rechte zu beharren. Umso trauriger ist es, dass die Regierung das Patriarchat aus Angst vor dem selbst verursachten Geschlechterungleichgewicht bestärkt und erfolgreiche Frauen öffentlich degradiert.

 

Text: Verena Weber