Tianjin nach dem Chemieunglück: „Da kann man nichts machen“

Seit der Explosion eines Chemielagers kennt man Tianjin auch in Deutschland. Doch was bei uns Entsetzen verursachte, lässt die meisten Tianjiner überraschend kalt.

Tianjin

Dicke Luft in Tianjin – auch ohne Chemieunfall / Foto: Francisco Anzola (Flickr)

Im tiefgrünen Wasser des Haihe-Flusses im Zentrum von Tianjin pflügt ein sichtlich vergnügter Rentner durch die Wellen. Ein Ausflugsschiff wirbelt das Wasser auf und der fröhliche Schwimmer demonstriert den Gästen auf Deck seine Tauchkünste. Die Farbe des Haihe hat eine überraschende Ähnlichkeit mit den zurzeit sehr beliebten Drinks in knalligem Neon, die an vielen Straßenecken verkauft werden. Dieses bemerkenswerte Wasser fließt einige Kilometer weiter östlich im Hafenstadtteil Binhai ins Meer.

Binhai in Tianjin? Da war doch was: Die Explosion eines illegalen Chemielagers sorgte dort am 12. August weltweit für Schlagzeilen.

Die Katastrophe und ihre Folgen

Tianjin kennt man seitdem auch in Deutschland. Allerdings ist die neugewonnene Bekanntheit von zweifelhafter Natur. Ausgebrannte Autos, qualmende Ascheberge und verzweifelte Menschen – das sind die Bilder, die von Tianjin dauerhaft im Gedächtnis blieben.

Ungefähr 170 Menschen kamen ums Leben, darunter viele Feuerwehrleute. Zahlreiche Wohnhäuser in der Umgebung wurden durch die Explosion zerstört. Versicherer beziffern den Schaden auf bis zu 3 Milliarden Euro.

Am meisten Entsetzen löste aber die Nachricht aus, dass hochgiftiges Natriumcyanid an der Unglücksstelle ausgetreten sei. Die chinesischen Behörden beschwichtigten in der Folge, die Giftmenge sei nicht gesundheitsgefährdend. Gleichzeitig setzte die Internetpolizei alles daran, die Verbreitung von sogenannten Gerüchten über die Katastrophe zu unterbinden.

Zwei Wochen nach dem Unglück wurden die Verantwortlichen des Eigentümers Tianjin Ruhai International Logistics festgenommen. Ihnen wird Korruption vorgeworfen. Zudem sollen sie Sicherheitszertifikate gefälscht haben. Etwa zur gleichen Zeit verkündete Präsident Xi Jinping, man wolle im Hafen einen Gedenkstein für die Opfer errichten.

„Da kann man nichts machen“

In Europa stellt man sich vor, dass eine Katastrophe wie diese das Leben in der Stadt völlig auf den Kopf stellen muss. Eine Stadt im Ausnahmezustand? Nicht hier in Tianjin. Auch direkt nach dem Unglück ging das Leben weiter seinen gewohnten Gang, Chemieunglück hin oder her.

Natürlich sei das eine unfassbare Katastrophe, meinen viele Tianjiner. Besonders für die Familien, die Angehörige verloren hätten. Und wäre die Feuerwehr auf Einsätze zur Chemikalienbekämpfung vorbereitet gewesen, hätte sicherlich viel Leid vermieden werden können. Aber konkreter möchten sie nicht werden. Und direkt zitieren lassen möchten sie sich auch nicht.

Viele seufzen, lächeln und sagen: „Mei you banfa!“, was so viel wie „da kann man nichts machen“ bedeutet. Die drei Worte sind der Kern der Tianjiner Mentalität, auch wenn das naiv klingen mag.

Gelassenheit oder Fatalismus?

Tatsache ist: Tianjin war schon davor eine der verseuchtesten Städte des Landes. Doch die Menschen hier sind alles andere als empfindlich. So halten die meisten Atemmasken gegen Smog für überflüssig. Warum sich also Gedanken über Natriumcyanid machen? Immerhin sagen die Behörden, es drohe keine Gefahr. Demnach kann es nicht so schlimm sein, selbst wenn die Regierung die Sache ein wenig runterspielt.

Die Leute bleiben zumindest nach außen hin gelassen. Die Tianjiner geben sich gern taoistisch: Worauf man keinen Einfluss hat, das kann man nun mal nicht ändern. Ob man sich aufregt oder nicht – alles wird sowieso bleiben, wie es ist. Man schließt die Sache mit einem mei you banfa ab und wechselt das Thema.

Manchmal bekommt man das Gefühl, dass morgen die Welt untergehen könnte, und die Tianjiner selbst dann weiter im Haihe schwämmen. Mei you banfa, man kann es ja nicht ändern.

Text: Henrike Gördes