Interview mit einem Taxifahrer

Autoren schreiben über sie, Robert de Niro spielte schon einen. Taxifahrer leben am Puls der Zeit und stecken voller Geheimnisse. In der Millionenstadt Hefei erzählte uns Xu Shengli auf einer Fahrt seine Geschichte.

Herr Xu, Woher kommen Sie ursprünglich?

Xu Shengli : Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Hefei.

Warum sind Sie nach Hefei gekommen?

Xu Shengli: Die Chancen in der Stadt sind einfach besser. Und hier kann man noch etwas lernen.

Seit wann fahren Sie Taxi?

Xu Shengli : Ich bin jetzt 31 Jahre alt und fahre seit über drei Jahren Taxi. Weil Hefei so schnell gewachsen ist, wächst auch der Bedarf an Taxifahrern ständig.

Mögen Sie Ihren Beruf?

Xu Shengli : Ich habe keine gute Ausbildung und auch sonst keine besonderen Fähigkeiten. Mir könnte es also wesentlich schlechter gehen. Ich habe keine freien Tage, muss aber nur acht Stunden am Tag arbeiten, kann Musik hören, mit Fahrgästen quatschen und rauchen. Ein Arbeiter am Fließband oder auf der Baustelle hat es deutlich schwerer.

Haben Sie eine Familie?

Xu Shengli : Ich habe eine Frau und einen fünfjährigen Sohn. Meine Frau arbeitet auch in Hefei, als Reinigungskraft in einem Supermarkt. Aber mein Kind lebt auf dem Land bei unseren Eltern.

Was macht Ihnen derzeit die größten Sorgen?

Xu Shengli : Meine Frau und ich haben keine Chance, uns um unseren Sohn zu kümmern. Das tut schon weh. Unsere Eltern passen zwar auf ihn auf, aber es ist nicht einfach. Manchmal möchten wir einfach nach Hause, um mit unserem Kind und den Eltern zusammen zu sein. Doch ohne die jetzige Situation wäre unser momentaner Lebensstandard nicht möglich.

Inwiefern interessiert Sie die Politik Ihres Landes?

Xu Shengli : In China ist für gewöhnliche Leute die Aussicht auf ein besseres Leben wichtiger als wer wie regiert.

Kommen Sie mit dem Geld, das Sie verdienen, über die Runden?

Xu Shengli : Wir müssen sehr sparsam leben. Unsere Mietwohnung in Hefei nimmt das meiste Geld in Anspruch. Dazu müssen wir unsere Eltern und unseren Sohn auf dem Land versorgen. Da bleibt nicht viel übrig.

Wie empfinden Sie den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas?

Xu Shengli : Der Aufschwung erhöhte Chinas Status als Staat. Niemand kann uns mehr ignorieren oder unterdrücken. Das ist eine gute Sache. Zwar kritisiert das Ausland gerne unsere Probleme. Aber eigentlich hatten sie früher doch die gleichen. Ich verstehe nicht, warum man uns keine Fehler erlaubt.

Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?

Xu Shengli : Außer der Arbeit habe ich eigentlich keinen Lebensinhalt. Ich fahre viele Nachtschichten von 17 Uhr bis drei Uhr morgens. Auch wenn ich nicht fahre, muss ich doch täglich die Taxigebühren bezahlen.

Haben Sie einen großen Traum?

Xu Shengli : Ich wünsche mir eine eigene Wohnung in der Stadt, und dass mein Kind und meine Eltern hier mit uns leben können.

Herr Xu, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Ying Tang / Foto: Boris van Hoytema