Taiwaner stehen hinter der DFB-Elf

Millionen Taiwaner werden heute Abend trotz der späten Anstoßzeit das WM-Finale zwischen Argentinien und Deutschland live vor dem Fernseher verfolgen. Die Herzen der Insel schlagen dabei vor allem für das deutsche Team um Thomas Müller.

Deutschland

Die deutsche Nationalmannschaft bei der WM-Qualifikation / Foto: Steindy (Wikimedia Commons)

Drei Uhr morgens wird es sein in Taiwan beim Anpfiff Argentinien gegen Deutschland. Es ist das WM-Finale einer Sportart, die dort höchstens eine Nebenrolle spielt: Taiwans Fußballnationalmannschaft bzw. das Chinese Taipei national football team – so der offizielle FIFA-Name – konnte seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts keinen nennenswerten Erfolg mehr verbuchen. Während sie sich damals gleich zweimal fürs Halbfinale des Asien Cups qualifizieren konnten, ist es seither ruhig geworden um den taiwanischen Fußball.

Mit Fußball zum Weltmann

Dass das Fußballstadion in Taipei, das übrigens gerade mal 20.000 Zuschauer fassen konnte, 2008 geschlossen wurde, hat auch nicht gerade zu einer Popularisierung des Ballsports beigetragen. Woher kommt also die Fußballbegeisterung, das WM-Fieber, an dem man sogar in Taiwan dieser Tage nicht vorbei kommt?

Auf dem Blog The Ganbei Chronicles wird gemutmaßt, die Begeisterung für den Sport ginge einher mit einem tiefen Wunsch nach Internationalität. Sich mit Fußball auszukennen, gelte als weltmännisch. Man wolle Teil dieses weltweiten Phänomens sein.

Die Zeitverschiebung macht jedoch vielen Interessierten bei allem Fußballenthusiasmus einen Strich durch die Rechnung. Wer wird sich also heute Nacht vor den Fernseher klemmen, um den Ausgang dieser Weltmeisterschaft zu verfolgen? Gibt es vielleicht sogar Hartgesottene, die sich um diese Uhrzeit zum Public Viewing zusammen rotten? Und wenn ja, wen werden sie unterstützen?

WM um vier Uhr morgens

Der Journalist Klaus Bardenhagen lebt seit vielen Jahren in Taipei. Auf seinem Blog www.intaiwan.de ging er zuletzt der Frage nach, welche Nationalteams von den taiwanischen Fans angefeuert würden. Er findet erstaunlich viele, die sich für Deutschland in schwarz-rot-goldene Schale werfen – und das nicht nur in den Expat-Gemeinden der Hauptstadt.

Der Taiwan-Deutschland-Fanclub organisiert Public Viewing Events für die Spiele, die er auf seiner Facebook-Seite bewirbt, und zu denen zwischen 100 und 400 Leute erscheinen. Natürlich in schwarz-weißen Trikots und schwarz-rot-goldener Bemalung.

In Anbetracht der Uhrzeit, zu der die Spiele in Taiwan übertragen werden, ist das beachtlich. Anpfiff beim Viertelfinale gegen Frankreich war um Mitternacht, beim Halbfinale gegen Brasilien ging es erst um vier Uhr morgens los.

Müllers Blick macht Taiwaner zu Deutschland-Fans

Bardenhagen beschäftigte sich auch damit, warum ausgerechnet Deutschland bei vielen taiwanischen Fußballfans ein Stein im Brett habe. Die Facebook-Seite des Fanclubs gefällt inzwischen an den 18.000 Nutzern, das sind mehr Likes als alle anderen Fanseiten vorweisen können. Der Taiwan Argentina Football Fans Club hat zum Vergleich unter 300 Fans. Woher kommt also diese Popularität der deutschen Elf?

Die einen spekulieren, es liege an Deutschlands Sieg gegen das unbeliebte Südkorea in der WM von 2002, andere wiederum sehen den Grund in den vielen Sympathieträgern von Jögis Elf. Besonders Thomas Müller scheint es taiwanischen Fans angetan zu haben: er könne so knuffig und süß dreinschauen. Und apropos süß: Natürlich waren auf der Eröffnungsfeier der Taipei Pet Show letzten Freitag die Vierbeiner in den Nationaltrikots der WM-Teilnehmer gekleidet. Auch hier waren die schwarz-weißen Trikots des deutschen Teams auffallend beliebt.

Auf jeden Fall werden sich auch heute Nacht wieder mehrere hundert taiwanische Deutschland-Fans zum Public Viewing zusammen tun und nach Kräften anfeuern: „Deguo Jiayou! Go Germany!“

 

Text: Rike Pätzold