Sexualkunde in China: “Wir fanden dich auf einem Müllhaufen!”

In China spricht man ungern über Sex. Besonders Eltern tun sich schwer ihre Kinder aufzuklären. Das hat fatale Folgen. Denn auch sonst erhalten die Kinder keine sexuelle Aufklärung.

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Was antworten, wenn Kinder fragen, wo sie eigentlich herkommen? Deutsche Eltern behelfen sich gerne mit der Geschichte vom Storch. Chinesische Eltern greifen auf eine, sagen wir mal, weniger erfreuliche Geschichte zurück: “Du wurdest auf einem Müllhaufen gefunden.” Doch irgendwann kommt der Tag, an dem die Kinder die Wahrheit erfahren sollten.

Seit den frühen 90er Jahren gibt es in China Gesetze zur Förderung des Sexualunterrichts. Allerdings hat die schwache Umsetzung die Situation kaum verbessert. Nur rund 10 der 180 000 Grundschulen und nur 500 bis 600 der 500 000 weiterführenden Schulen bieten Sexualkunde an.

Auch zu Hause werden die Kinder sexuell nicht aufgeklärt. Lediglich 30 % der Kinder bekommen Sexualwissen von ihren Eltern vermittelt. Diese fürchten häufig, durch Aufklärung die sexuelle Neugier der Kinder zu fördern und sexuelle Aktivität zu begünstigen. Das Unwissen der Kinder und Jugendlichen in Sachen Sexualität hat jedoch fatale Folgen: Viele Kinder erkennen sexuelle Übergriffe gar nicht als solche und wissen sich nicht zu helfen. Teenagerschwangerschaften und Abtreibungen sind keine Seltenheit. In China sind zwar nur 22.4 % der jungen Frauen zwischen 15 und 24 sexuell aktiv. Allerdings werden 21.3 %  der sexuell aktiven Frauen in diesem Alter schwanger und 90 % der Schwangerschaften enden mit einer Abtreibung.

Die Hauptinformationsquelle für Sexwissen ist für Kinder und Jugendliche das Internet. Im Oktober letzten Jahres erschienen drei kurze Videos, die anhand eines Cartoons und lustiger Metaphern die drei Fragen

  • “Wo kommen Babies her?”,
  • “Warum sind Jungs und Mädchen verschieden?” und
  • “Wie können Minderjährige sexuelle Belästigung verhindern?” 

beantworteten. Die Videos verbreiteten sich wie ein Lauffeuer im Internet. Sie waren zweit häufigste Suchanfrage bei Baidu, dem chinesischen Äquivalent zu Google, und erhielten über eine Million Klicks auf verschiedenen Videoplattformen. Zum Video über die Herkunftsfrage der Babies gibt es nun auch eine englische Übersetzung:

Das Nutcracker Studio, die Macher des Videos, haben ihr Ziel zumindest vorübergehend erreicht: das Bewusstsein für sexuelle Aufklärung zu stärken. Außerdem haben chinesische Eltern nun einen Ansatzpunkt, wie sie ihren Kindern Sexualität nahe bringen können. Es bleibt zu hoffen, dass sich mehr Eltern ein Herz fassen und ihre Kinder aufklären. Um allgemeine sexuelle Aufklärung jedoch tatsächlich voranzutreiben, muss die chinesische Politik sich endlich ernsthaft mit sexueller Aufklärung auseinandersetzen.

 

Text: Verena Weber / Bild: Claude Covo-Farchi (Wikimedia Commons)