Schöne neue Welt: Der Chinesische Traum

Der Chinesische Traum – leere Worthülse der chinesischen Propaganda-Maschinerie oder wahrhaftiger Traum der Chinesen? Und was unterscheidet ihn vom Amerikanischen Traum?

Chinesischer-Traum

Der Chinesische Traum gleicht einem Propaganda-Feuerwerk / Foto: U.S. Army

Als Xi Jinping im März letzten Jahres zum chinesischen Staatspräsident gewählt wurde, erblickte eine Neuschöpfung des Pekinger Propagandasprechs das Licht der Welt: der Chinesische Traum. In riesigen Zeichen prangte der Slogan 中国梦 – Chinesischer Traum von Plakaten an jeder Straßenecke, Schüler sollten ihre Träume an Plakatwände in Schulen heften, „vorbildliche Träumer“ erzählten anderen vom chinesischen Traum, um auch sie zum Träumen zu inspirieren. Unterdessen rätselten die westlichen Medien: Was bitte ist der Chinesische Traum?

Chinesen träumen mehr als Amerikaner

Ein gutes Jahr später zeigt eine Umfrage des Marktforschers Millward Brown und dessen Konzernmutter WPP, dass die Strategie Xi Jinpings aufgegangen ist. Die Chinesen träumen tatsächlich den Chinesischen Traum – mehr sogar als die Amerikaner den ihrigen. 70 % der befragten Chinesen ist der Chinesische Traum persönlich wichtig. In Amerika sind es nur 65 %. Dabei liegt die Verwirklichung des Chinesischen Traums vor allem jungen Chinesen am Herzen. Bei den Amerikanern spielen Altersklassen hingegen keine Rolle.

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So wollen Chinesen und Amerikaner ihre Träume verwirklichen / Abbildung: Wall Street Journal

Interessant ist außerdem, dass Chinesen und Amerikaner auf unterschiedliche Wege setzen, um ans Ziel zu gelangen. Neben eigenen Anstrengungen halten Chinesen vor allem persönliche Beziehungen für wichtig. Die Amerikaner sehen neben den eigenen Anstrengungen vor allem Mut als entscheidend an. Mut spielt für die Chinesen wiederum die kleinste Rolle auf dem Weg zu ihrem Traum.

Worum geht es beim Chinesischen Traum eigentlich?

Was der Chinesische Traum nun tatsächlich ist, ist schwer auf den Punkt zu bringen. Er umfasst viele Aspekte und lässt Interpretationsspielraum. Das ist es, was ihn so erfolgreich macht. Jeder kann sich in irgendeiner Weise mit ihm identifizieren. 61 % der Befragten sehen die Zukunft ihres Landes dank ihm optimistischer. 66 % lässt der Chinesische Traum sogar zuversichtlicher in ihre eigene Zukunft blicken.

Als bloße Kopie des Amerikanischen Traums ist der Chinesische jedoch nicht zu verstehen. Das zeigen auch die Umfrageergebnisse. Der Chinesische Traum ist breiter gefächert und weniger materialistisch und individualistisch ausgelegt. Der Traum umfasst eine gerechtere Gesellschaft und den Weg dorthin. Er vermittelt den Chinesen Optimismus bezüglich der Zukunft. Soweit die Umfrage.

In der Theorie (oder Propaganda) geht der chinesische Traum noch weiter. Ausgangspunkt ist das Jahrhundert der Fremdbestimmung und Demütigung Chinas. Nach diesem will China nun zurück zu seiner alten Stärke. Auch wenn das etwas kriegerisch anmutet, steht letztendlich aber die Harmonie im Vordergrund. Harmonie zwischen den Menschen, China und seinen Nachbarländern und dem Mensch und der Natur. Ebenso geht es um die Rückbesinnung auf traditionelle Werte (konfuzianische Lehre) und die Vereinbarung dieser mit der Moderne. Es ist die Rede von Wohlstand, Gerechtigkeit, angemessenem aber nicht ausuferndem Lebensstandard, Nachhaltigkeit, sogar von Demokratie (was aber wohl kaum der westlichen Auffassung entsprechen kann), von dem Glück jedes Einzelnen, vom Weltfrieden, einer Welt der Harmonie und vielem mehr. Alles in allem klingt es wie eine Utopie.

Ob Träume wahr werden?

Träume sind auch in China der erste Schritt. Fraglich bleibt aber, wie sehr die chinesische Regierung all diese ehrbaren Ziele tatsächlich verfolgen wird – und inwieweit sie überhaupt umsetzbar sind. Was davon ist schiere Propaganda, was ist Ernst gemeint? Diese Frage wird nur die Zukunft beantworten können. Sicher ist jedoch: die Chinesen haben einen Traum, und selbst wenn sie diesen nur zum Teil in die Tat umsetzen, wäre das eine beachtliche Leistung.

 

Text: Verena Weber