Prostitution in China: Wie lange wird die Sexindustrie noch geduldet?

Prostitution ist in China allgegenwärtig, obwohl sie verboten ist. Die chinesische Polizei sorgt dafür, dass die Sexindustrie das Gesetz nicht zu fürchten braucht. Doch das Bild soll sich wandeln.

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Prostituierte bei einer Razzia in Dongguan / Quelle: nc.gdtv.cn

Das chinesische Fernsehen zeigt oft Szenen von Razzien, wo Polizisten Hotels, Clubs, Karaoke-Bars oder auch Massage- und Friseursalons mit „besonderem Service“ hochgehen lassen. Denn: Käuflicher Sex ist in der Volksrepublik streng verboten. Dennoch wird so manches Prostitutionsgewerbe von der Polizei stillschweigend geduldet, ignoriert oder bei Schutzgeldzahlungen sogar beschützt.

Doch mittlerweile häufen sich die Prozesse gegen korrupte Beamte. Yuan Ping, ein für die Prostitutionsbekämpfung zuständiger Teamleiter der Pekinger Polizei, wurde wegen Korruption und Machtmissbrauch im Januar zur sieben Jahren Haftstrafe verurteilt. Ein Pekinger Gericht legte dem Polizisten zu Last, vertrauliche Informationen der Polizei über bevorstehende Razzien an einen Zuhälter weitergegeben zu haben. Dafür hat Yuan 90.000 Yuan (13.000 Euro) Schmiergeld kassiert.

Auch Yao Yonghong, der ehemalige Direktor eines Polizeireviers in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen, wurde Mitte Januar zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er soll ein Bordell jahrelang mit Razzien verschont haben. Dafür bekam er Luxuswein, Zigaretten und Bargeld als Gegenleistung.

Der Fall Dongguan: Chinas Hauptstadt der Prostitution

Erst vor einem Jahr sorgte eine Undercover-Reportage des chinesischen Staatsfernsehens CCTV landesweit für Schlagzeilen. Mit versteckter Kamera filmte ein Journalist die Rotlicht-Szene der Stadt Dongguan, Chinas Hochburg der Prostitution.

Die Sex-Dienste in den Massagesalons, Hotels oder Karaoke-Bars von Dongguan sind ein offenes Geheimnis. Fragt man nach „besonderen Services“, stellt sich umgehend eine Auswahl Prostituierter vor. An ihrer Kleidung tragen sie Preisschilder. Und auch bei der Suchmaschine Baidu findet man mühelos Orte mit ganz spezieller Unterhaltung.

Razzien auf Druck der Medien

Nachdem die Aufmerksamkeit erregende Reportage über Dongguan ausgestrahlt wurde, mussten die Behörden reagieren. Die Polizei schloss bei einer Großrazzia mit über 6.500 Beamten dutzende Hotels, durchsuchte mehr als 1.500 Lokale, Nachtclubs und Karaoke-Bars und nahm 661 Verdächtige fest. Auch 43 Gesetzeshüter wurden zur Rechenschaft gezogen, darunter zwei Direktoren von Polizeirevieren.

„Wir hatten die Razzia gegen die Sex-Dienste eigentlich schon länger geplant“, sagte Hu Chunhua, Parteichef der Provinz Guangdong nach dem Polizeieinsatz. „Weil CCTV das Problem in der Stadt Dongguan entlarvt hat, haben wir die geplante Polizeiaktion jedoch vorverlegt.“

Ein Bürger der Stadt erklärte allerdings anderes vor laufenden CCTV-Kameras: „Die Polizei weiß schon längst viel mehr als jeder andere darüber, wo Prostitution stattfindet und wer involviert ist. Aber sie tut einfach nichts.“ Auch der Undercover-Journalist hatte die Polizei vor der Ausstrahlung seiner Reportage mehrfach über die Situation in Dongguan informiert – und trotzdem griffen die Behörden nicht ein.

Milliarden-Verlust in der Wirtschaft

Dass Prostitution in Dongguan jahrelang von den Behörden geduldet wurde, liegt jedoch nicht nur an den bestechlichen Beamten. Die illegale Prostitution ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So schätzt der Wirtschaftswissenschaftler Guan Qingyou,  dass die Sexindustrie allein in Dongguan für 300.000 Arbeitsplätze sorge. Jährlich werde einen Gesamtumsatz von mindestens 50 Milliarden Yuan (7,4 Milliarden Euro) in der Sex-Hauptstadt erwirtschaftet.

Diese Einschätzung teilt auch der Finanz- und Steuerexperte Lin Jiang und warnt: „Der Angriff auf die Branche könnte schwerwiegende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung haben.“

Vermeintliche Kampagne gegen Prostitution hilft der Korruptionsbekämpfung

Im August letzten Jahres wurde Zhou Yongkang, einst Chef des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit, wegen Korruption und Machtmissbrauch zu Fall gebracht – ein halbes Jahr nach dem Skandal von Dongguan.

Beobachter glauben deshalb, dass der Skandal der chinesischen Regierung in die Karten spielte. Das landesweite Vorgehen gegen Prostitution könnte der erste große Schlag bei der Korruptionsbekämpfung innerhalb der Polizei sein. Dass Zhou zu Fall kam, obwohl er zum unantastbaren Machtzirkel Pekings zählte, bewies Xi Jinpings Entschlossenheit bei diesem Vorhaben.

„Wir sind Dongguan“

Die Zerschlagung der Sexindustrie in Dongguan und das landesweite Vorgehen gegen Prostitution rief Chinas einflussreiche Blogger auf den Plan. Sie fordern die Legalisierung der Sexindustrie. Einige titelten „Wir sind Dongguan“. Und Hu Shizhi schrieb: „Die Angriffe auf die Sexindustrie sind wie die Ein-Kind-Politik eine gewaltige Verletzung der grundliegenden Menschenrechte.“

Laut chinesischem Gesetz können Prostituierte und Freier mit bis zu 15 Tagen Haft und 5.000 Yuan (740 Euro) Geldstrafe rechnen. Die Zuhälter könnten mit maximal zehn Jahren Gefängnis bestraft werden, bei Zwangsprostitution sogar noch länger. In besonders schwerwiegenden Fällen ist die Todesstrafe für die Zuhälter vorgesehen.

 

Text: Yong Yang