Mit Lei Feng gegen die Ellenbogengesellschaft

Am heutigen Lerne-von-Lei-Feng-Tag propagiert die Regierung das Andenken an einen tugendhaften Soldaten. Alle Chinesen sollen heute etwas Gutes tun. Die chinesische Gesellschaft hat das bitter nötig.

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Es war kein Heldentod im eigentlichen Sinne: Der Soldat Lei Feng starb 1962, als er im Alter von 21 Jahren beim Einweisen eines Lastwagens von einem Telefonmasten erschlagen wurde. Ein Jahr später erklärt Mao Zedong den bis zu seinem Tod unbekannten Soldaten der Volksbefreiungsarmee zum nationalen Vorbild für die Volksrepublik.

Was war in der Zwischenzeit geschehen? „Ich tue alles, was der Vorsitzende Mao befiehlt. Mein einziger Wunsch ist, der Partei, dem Sozialismus und dem Kommunismus zu dienen.“ Sätze wie dieser entstammen Lei Fengs Tagebuch, das man nach dessen Tod fand. Die Schriften offenbarten das Leben eines selbstlosen, parteitreuen und gutmütigen Menschen. Das Waisenkind Lei Feng wollte nur “ein Schräubchen der Revolution” sein und führte ein beispielhaft soziales Leben. Er half alten Leuten über die Straße, schob freiwillig Überstunden und teilte seinen Sold mit Bedürftigen.

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Lei Feng war ein Kommunist, wie er im Buche steht – und damit gefundenes Fressen für die staatliche Propaganda. Das nationale Vorbild wurde darum 1963 zum Gesicht der Erziehungskampagne Vom Genossen Lei Feng lernen (向雷锋同志学习). Seine Tagebücher wurden veröffentlicht, dazu Fotos aus seinem Leben. Sie zeigen einen pflichtbewussten Soldaten bei der Arbeit, als hilfsbereiten Kameraden oder beim Rezitieren der Werke des Großen Vorsitzenden. Alle Chinesen sollten es Lei Feng gleichtun, und so wurde der 5. März zu seinem Feiertag.

 

Kampf gegen die Selbstsucht

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Bürger wie Lei Feng täten auch der heutigen chinesischen Gesellschaft gut, die immer mehr zu verrohen droht. Das dachte sich auch die Regierung, als sich Lei Fengs Todestag 2012 zum 50. Mal jährte – und warf die landesweite Propagandamaschine an, um die soziale Harmonie wiederherzustellen. Die Medien griffen die fast vergessene Geschichte wieder auf, Banner mit Zitaten und Bildern des Soldaten zierten die Städte. Unternehmen, Schulen und Gemeinden beschwören den 5. März seitdem wieder als großen Aktionstag für gute Taten.

Trotz ihrer Plumpheit rennt die Propaganda offene Türen ein. Die Chinesen erschraken in letzter Zeit immer häufiger vor sich selbst. Hilfsbereitschaft und Zivilcourage sind selten geworden in ihrer Heimat, der eigene Vorteil scheint die Maxime jeden Handelns geworden zu sein. Doch die Bürger haben erkannt, dass eine gesunde Gemeinschaft ebenfalls wichtig für den Einzelnen ist – und möchten endlich reagieren.

 

Text: Adrian Kummer