Mit dem Fahrrad durch China VIII: Halbzeit in Chengdu

Für ihr Projekt Chinacrossing durchqueren Melanie und Sebastian China mit dem Fahrrad. Als die beiden in Chengdu ankommen, haben sie ihre Reise plötzlich schon zur Hälfte hinter sich.

Shuimo

Das Zentrum von Shuimo

Die Luft ist zum Schneiden dick als wir das Hotel verlassen. Mühevoll schleppen wir uns durch dicken Dunst und Nieselregen über unseren letzten, winzigen Pass vor Chengdu. Auch hier sind die Dörfer noch schwer vom Erdbeben beschädigt und tiefe Risse und Schlaglöcher überziehen die Straßen.

Shuimo

Unser erstes Ziel auf einem kleinen Umweg nach Chengdu ist Shuimo. Der Ort mit der malerischen Altstadt wurde 2008 komplett zerstört. Heute ist hiervon nichts mehr zu sehen. Die neue Stadt liegt, durchzogen von idyllischen Gassen und Kanälen, eingebettet in ein tropisches Tal an einem kleinen See. Der moderne Wiederaufbau gewann vor einigen Jahren den UN Preis für die Global Best Implementation of Post-Disaster Reconstruction. Verdient, wie wir finden.

Sichuan

Alles grünt in Sichuan

Wie die gesamte Region, leben die Menschen auch hier von den tropischen Böden und dem noch reicheren Strom chinesischer Touristen. Wir lehnen uns zurück und bestaunen das Treiben. Lange können wir uns jedoch nicht entspannen. Recht zügig sammelt sich eine kleine Menschenmenge um uns. „Von Kashgar bis nach Chengdu? Auf dem Fahrrad? – Unglaublich!“ Es gibt an diesem Tag vermutlich keinen Touristen, der die Stadt ohne ein Erinnerungsfoto mit uns und den Fahrrädern verlässt.

Ein Panda

Das Tal wird immer enger. Nachdem die starken Regenfälle der letzten Wochen die Hänge aufgeweicht haben, besteht nun allerorts Erdrutschgefahr. Schon vor ein paar Tagen mussten wir unser Zelt im strömenden Regen und mitten in der Nacht versetzen, weil der Hang hinter uns ins Rutschen geriet und immer wieder Gesteinsbrocken herunter kamen. Wir entscheiden uns daher spontan für ein Hotel und können beruhigt schlafen.

Panda

Das Nationalsymbol Chinas: der Panda

Die Hotelmitarbeiter hofieren uns wie alte Freunde. Als wir erzählen, dass es nun nach Chengdu und dann weiter nach Hong Kong geht, protestieren sie: „Mann kann Sichuan nicht verlassen ohne einen Panda gesehen zu haben.“

Wir werden kurzerhand ins Auto gesetzt und die Betreiberin fährt mit uns zu einer Parkanlage im Nachbarort. An einem liebevoll angelegten Stausee liegt ein kleines Gehege hinter Glas und Elektrozäunen. Alles leer! Wir sind etwas enttäuscht. Doch dann trottet plötzlich ein großer Panda aus der Tür und steuert zielstrebig auf einen Haufen frischer Bambusrohre zu. Er legt sich mit dem Rücken auf einen Stein, streckt den Bauch in die warme Sonne und schält geschickt ein Rohr nach dem anderen. Unglaublich! Unser erster Panda – und das keine drei Meter von uns entfernt. Auf merkwürdige Art und Weise wirkt dieser Bär tollpatschig und geschickt zur selben Zeit.

Nach einem Spaziergang um den See geht es zurück ins Hotel und für uns schweren Herzens weiter. Das kleine Hotel vor Sanjiang und sein Team wird uns aber gewiss in Erinnerung bleiben.

Chengdu – Am Ziel

Das Global Center in Chengdu

Das größte Gebäude der Welt: Das Global Center in Chengdu

In Dujiangyan lassen wir die Berge endgültig hinter uns. Nach Chengdu ist es nun nicht mehr weit – 80 Kilometer entlang an Flüssen und durch dicht besiedelte Gebiete. Ein komisches Gefühl. Seit drei Monaten fahren wir auf diese Stadt als bedeutenden Meilenstein unserer Reise zu und bis fast zuletzt schien sie doch noch immer so weit entfernt. Nun fahren wir die restlichen Kilometer in nur einem Tag. Es ist flach, es ist schwül und es ist voll von Hochhäusern und Menschen. Wir sind absolut verloren in dieser für uns schlagartig so anderen Welt. In der endlosen Blechlawine der Metropole mit immerhin 14 Millionen Einwohnern fahren wir bis ins Zentrum.

Hier werden unsere Räder und unsere Ausrüstung auf uns warten, bis wir hoffentlich in einer Woche aus Hong Kong mit einem neuen Visum zur Weiterreise zurück sind. Ein komisches Gefühl unser ganzes Leben hier zurück zu lassen. So lange waren wir noch nie ohne Räder!

Das Global Center von innen

Das Global Center von innen

Gleichzeitig bedeutet der Stop in Chengdu Halbzeit für unsere Reise. Drei kalte, spektakuläre, lehrreiche und abenteuerliche Monate liegen nun hinter uns. Und wir brennen schon jetzt darauf wieder im Sattel zu sitzen und weiter durch China zu fahren. Aber die Pause hat auch ihr Gutes, denn nun gibt es Urlaub vom Urlaub in Hong Kong!

Text & Fotos: Melanie & Sebastian von Chinacrossing.