Mit dem Fahrrad durch China VII: Endlich Subtropen!

Für ihr Projekt Chinacrossing durchqueren Melanie und Sebastian China mit dem Fahrrad. Endlich lassen sie die trockene Wüste des Nordwestens hinter sich und begeben sich auf die Reise ins feuchte Sichuan, das 2008 von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde.

Subtropen in Sichuan

Endlich Subtropen!

Wir sind in den Subtropen! Nach über einem Monat Wüste und Steppe und einem nie zu enden scheinendem Winter in den tibetischen Bergen können wir uns an der üppigen Natur hier kaum satt sehen. Endlich ist es immer warm, es gibt ausreichend Wasser, am Wegesrand wachsen Bananen, Bambus und Palmen. Auf den Feldern bauen die Menschen Sichuan-Pfeffer und Tabak an und – man glaubt es kaum – die Kirschen hier sind schon längst reif! Wir fühlen uns ein wenig wie im Paradies.

Bilderbuch-China

Unser erster großer Halt in Songpan verzaubert uns. Der Ort ist wunderschön. Die Innenstadt überzeugt mit schönster chinesischer Architektur, überall hängen rote chinesische Lampions, Marktfrauen bieten exotische Früchte zum Kauf an und Rikscha-Fahrer kutschieren einige Touristen umher.

Der Marktplatz von Songpan

Der Marktplatz von Songpan

Zu gerne würden wir eines der Angebote zum Pferde-Trekking wahrnehmen, doch es zieht uns zurück auf unsere eigenen Lastentiere: Die blaue Gans (wegen der kaputten Hupe, die klingt wie Gänsegeschrei) und Schnucki, die chinesische Bergziege mit den roten Hörnern, warten schon ungeduldig auf uns und die Weiterfahrt nach Chengdu.

Auf abgelegenen Pfaden

Die Weiterfahrt ist atemberaubend schön. Vorbei an verwinkelten Höfen mit Naturstein, Schnitzereien und tollen Dachverzierungen (wir fühlen uns ein wenig an tiroler Bauernhöfe erinnert), fahren wir auf einen riesigen See zu.

Steinschlag-Sichuan-Erdbeben

Achtung: Steinschlag!

Dann plötzlich die Ernüchterung: Ein ellenlanger Tunnel. Unbeleuchtet und unbelüftet mit dichtem Verkehr. Wir versuchen ihn zu umfahren und entscheiden uns für die alte Erdbeben-geschädigte Straße über die Flanke der Felswand. Die Straße wurde schon lange nicht mehr befahren, überall liegt vom Hang abgerutschtes Geröll bis hin zu Felsbrocken von der Größe eines PKWs, der Steinschlag hat sichtbare Spuren im Asphalt hinterlassen. Rechts von uns geht der Abhang steil in die Tiefe und wir blicken auf den türkisblauen See. Wir fühlen uns abenteuerlich.

Der Turm

Schon aus der Ferne ragt plötzlich ein Turm auf einem Felsvorsprung empor. Die Kulisse ist absolut imposant, doch das zugehörige Dorf scheint menschenleer zu sein. Die Türen quietschen im Wind und im alten Eintrittskarten-Schalter lagert altes Holz und Schutt. Schon lange scheinen hier keine Touristen mehr gewesen zu sein und wo einst Souvenirs über die Ladentheke gingen, sind nun nur noch herunterlassend Rollos.

Turm-Sichuan

Der besagte Turm

Der Bau der neuen Straße und des Tunnels hat den Ort abgeschnitten und so ist er in Vergessenheit geraten. Wir genießen eine Zeltnacht mit Blick auf den Turm und verlassen diesen Ort ein wenig nachdenklich.

Am 12. Mai 2008 hat sich in dieser Region ein verheerendes Erdbeben ereignet. Viele Menschen sind damals ums Leben gekommen und ganze Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleich gemacht. Die alte Landstraße wurde damals auf weiten Strecken zerstört. Die neue Autobahn bietet nun eine noch schnellere und komfortable Anbindung Chengdus an eines der beliebtesten Ausflugsziele Chinas. Hier erinnert fast nichts mehr an die Zerstörung von vor sechs Jahren.

Zwölf Kilometer Tunnel

Wir versuchen die Autobahn, die fast nur aus Tunnels und Brücken besteht, zu umfahren. Anfangs klappt dies recht gut, doch dann endet die alte Landstraße abrupt im Fluss und uns bleibt keine andere Wahl mehr.

Zerstörte Straßen in Sichuan

Die Zerstörung des Erdbebens von 2008 ist immer noch allgegenwärtig

Über einen Parkplatz gelangen wir auf die stark befahrene Autobahn (es ist Tag der Arbeit und damit Ferienzeit in China). Nach wenigen Kilometern der erste Tunnel: 5,5 Kilometer in einer engen Röhre mit diesem dichten Verkehr! Einen Standstreifen gibt es leider nicht. Was ein Autofahrer in knapp 3 Minuten schafft, bedeutet für uns nun 20 Minuten Horror. Die LKW-Reifen rasen mit keinen 50 Zentimetern Abstand an uns vorbei, Autos hupen und der ohrenbetäubende Lärm der Blechlawine raubt uns den Verstand. Wir starren stur auf die Fahrbahnbegrenzung und versuchen uns nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Unglaublich erleichtert fahren wir aus dem Tunnel hinaus und dem Tageslicht entgegen. Wir stehen auf einer Brücke. Sie ist keine 100 Meter lang und verbindet zwei Tunnel. Der nächste gleich noch einmal so lang wie schon der erste. Mir gehen die Nerven durch und ich fange an zu weinen. Basti behält die Ruhe und erweist sich mitten auf der Autobahn als echt guter Krisenmanager. Nach insgesamt über 40 Minuten im Tunnel liegt dann endlich eine unserer härtesten Prüfungen hinter uns.

Die Autobahn und das Erdbeben von Wenchuan

Wir verlassen die Autobahn und versuchen wieder auf der alten Straße weiterzufahren. Auch hier wirken die Dörfer entlang der Straße verlassen. Alle Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, auf den Straßen sehen wir nur alte Menschen und Kinder. Wo immer die Autobahn in einem Tunnel verschwindet, wird das Tal zum Geister-Tal. Vor dem Bau der Autobahn lebten die Anwohner von dem stetigen Strom an Reisenden, die seit jeher das Tal besuchen. Nun jedoch bleiben nur noch die kleinen Felder an den Berghängen und für die Jungen die Arbeit in den Städten.

Die Menschen hier scheint das Erdbeben gleich in zweifacher Hinsicht getroffen zu haben. Wir sind bedrückt und nachdenklich. Die Autobahn sollte Fortschritt und Modernität bringen. Für die Städter und die Wirtschaft sicherlich richtig. Für die Menschen hier im Tal zumeist leider nicht.

Mahnmal des Erdbebens von Sichuan

Mahnmal für das Erdbeben von 2008

Am frühen Abend rollen wir in Yingxiu ein, dem Epizentrum des Erdbebens von Wenchuan. Von einem Hügel blicken wir auf zerstörte und schief stehende Gebäude. Eine ehemalige Mittelschule, die völlig eingestürzt ist und nun als Mahnmal in ihrem Zustand belassen wurde. Wir können nur erahnen wie schrecklich die Ausmaße des Bebens 2008 hier gewesen sein müssen. Wir sind beides: Erschüttert, aber auch sehr beeindruckt davon, in welch kurzer Zeit es China gelungen ist die gesamte Region wieder aufzubauen.

 

Text & Fotos: Melanie & Sebastian von Chinacrossing.