Mit dem Fahrrad durch China IX: Wenn das riesige Land noch größer ist

Für ihr Projekt Chinacrossing durchqueren Melanie und Sebastian China mit dem Fahrrad. Weil sie Probleme mit ihren Visa bekommen, müssen sie ihre Reiseroute spontan ändern. 

Brücke in Luding

Brücke in Luding

Wir haben also ein Visum: 30 Tage. Mehr ist in Hong Kong im Augenblick nicht zu haben und selbst das bekommen längst nicht mehr alle. Wirklich beruhigt sind wir jedoch erst, als der freundliche Beamte am Flughafen seinen Stempel neben unser Visum setzt und wir chinesischen Boden betreten. Zuhause!

Unendliche Weiten

Unsere Räder warten brav auf uns im Hostel. Wir können es kaum erwarten, endlich wieder auf die Straße zu kommen. Doch um ehrlich zu sein: 30 Tage sind kurz! Unser neues Visum sollte sich zwar zwei Mal verlängern lassen, aber wir müssen jedes mal aufs Neue bangen. Zudem müssen wir für die Verlängerung sieben Tage vor Ablauf des Visums auf einer PSB Station vorstellig werden und dürfen die Stadt dann nicht verlassen.

Uns bleiben daher nur knapp 20 Tage, bis wir in Kunming sein müssen. Angedacht war über Litang und Lijiang noch einmal durch tibetische Gebiete zu fahren, doch 1.600 Kilometer durch Hochgebirge sind in der kurzen Zeit selbst für Leitungssportler eine Herausforderung. Eines der Ziele unserer Reise war es, Distanzen selbst zu erfahren und ein Gefühl für Chinas Größe zu entwickeln. Natürlich wussten wir auch vorher, dass dieses Land einfach unglaublich groß ist. Nun können wir es aber auch mit dem Herzen begreifen. Wir sind froh über die Erkenntnis – wohl aber auch traurig, dass wir uns vieles, das wir uns sehr gerne angesehen hätten, für spätere Reisen aufheben müssen.

Ein üppiges Tal

Wir beschließen, das Beste aus unserer Situation zu machen. Also nehmen wir eine Route durch die lichten Bambuswälder und subtropischen Täler der Vorberge.

An den Hängen wachsen Pfirsiche, Sichuan-Pfeffer, Maulbeeren, Aprikosen, Mandarinen und Orangen. Die Menschen nutzen jeden noch so kleinen Fleck für die Landwirtschaft. So wachsen zum Beispiel auf einem alten Sandhügel frisch gesetzte Maispflänzchen. Die Zeltplatzsuche macht uns das enge, dicht bevölkerte Tal daher nicht gerade einfach.

Reiseradeln in China

Von Kangding aus fahren wir nach Süden. Schon nach wenigen Metern dann eine spannende Begegnung: hunderte von chinesischen Radreisenden auf Merida oder Giant Mountainbikes auf dem Weg nach Tibet.

Kangding

Stadtzentrum von Kangding

Die Grenzen sind für Chinesen offen und so machen sich unendliche Scharen von Radfahrern jeden Alters auf den beschwerlichen Weg von Chengdu nach Lhasa. Die Ausrüstung ist oft improvisiert oder selbst gebastelt – der Wille es zu schaffen dafür umso stärker. Wir sind ein bisschen neidisch auf die abenteuerlichen Wochen, die ihnen bevorstehen und rufen jedes Mal: „Jia you!“ (加油, Go for it!)

Jemand, der überholt, der überholt, der…

Die Straße ist alt, holprig und hoffnungslos überfüllt. Immer wieder zwingen uns überholende Fahrzeuge, in den Seitenstreifen auszuweichen. Die Straße ist ein Irrenhaus. 800 Menschen sterben in China täglich in Verkehrsunfällen. Wirklich? Dafür, wie die Leute hier fahren, überraschend wenig.

Blinker kennen die Fahrer hier nicht. Überholt wird ständig und ohne Rücksicht auf die Verkehrslage und die Straßenverhältnisse. So kommt uns schon mal auf unserer Spur ein laut hupender LKW entgegen, der gerade einen LKW überholt, der schon einen PKW überholt. Dazu gibt es nur zwei Geschwindigkeiten: Sehr schnell und zu schnell. Zweispurige Straßen können da schon mal vierspurig werden und alle scheinen zudem ständig am Handy zu spielen. Zu allem Überfluss scheinen auch Alkohol am Steuer, Übermüdung und Fahren ohne Führerschein häufige Probleme zu sein. Auf dieser Straße glauben wir alles sofort und sind froh, nach zwei Tagen wieder abfahren zu können.

Land unter

Jiaozi

Beliebter Straßensnack in China: Jiaozi

Der Verkehr wird nun weniger und weniger. Immer mehr Dörfer scheinen ganz verlassen. Häuser und Läden sind halb eingerissen, Hunde streunen durch die leeren Gassen und die Natur und zahllose Steinschläge holen sich die Straße allmählich zurück. 50 Kilometer lang fahren wir durch ein fast menschenleeres Tal.

Doch dann kommt die Erklärung: Ein Damm! Das ganze Tal wird in wenigen Monaten unter Wasser liegen: dutzende kleine Dörfer, die grünen Felswände und auch unser Schlafplatz von letzter Nacht. Ein seltsames Gefühl, hier durchgefahren zu sein.

Neben dem Damm fahren wir durch einen Tunnel, und die Welt um uns herum ist wieder belebt. Zum Abendessen gibt es Jiaozi in Shimian.

 

Text & Fotos: Melanie & Sebastian von Chinacrossing.