Mit dem Fahrrad durch China: Der Orkan in der Wüste

Für ihr Projekt Chinacrossing durchqueren Melanie und Sebastian China mit dem Fahrrad. Auf ihrer Etappe durch die Kuruktag Wüste kämpfen sie mit Sand und Wind. Ein Erlebnisbericht.

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Die Wüste reinigt den Geist

Weise Menschen behaupten: „Die Wüste reinigt den Geist.“ So ist es auch uns ergangen. Uns wurde der Kopf gleich richtig frei gepustet.

Nach einem fast ereignislosen Tag im monotonen grau-braun der großen Kuruktag Wüste wurde es beim Zeltaufbau am Abend unvermittelt stürmisch. Nur mit viel Mühe und vereinten Kräften ließ sich das Zelt überhaupt aufstellen. Doch der Sturm gewann immer weiter an Fahrt. Die ganze Nacht lang fegte ein heftiger Orkan über die Wüste und zwang unser Zelt mehrfach fast in die Knie. Sand und Steine flogen durch die Luft, immer wieder riss der Wind unsere Abspannleinen los und das Zeltdach neigte sich bedrohlich gen Boden. Doch unser Zelt hielt stand – über 15 Stunden lang.

Auch am nächsten Morgen stürmte es noch heftig. Weiterfahren unmöglich! Selbst die Räder konnten wir nur mit aller Kraft zurück bis zur Straße schieben. Der Verkehr war spärlich. Selbst die Fahrer hatten ganz offensichtlich Mühe, ihre schweren Fahrzeuge in der Spur zu halten. Der Sand peitschte uns in die Augen und wir hofften nur, zügig eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Dann die Rettung. Ein Pickup mit leerer Ladefläche hielt an und nahm uns mit nach Hami. Vielen Dank, Herr Hu!

 

Aufbruch aus Turpan

Dabei hatte unsere Radreise von Turpan nach Hami so beschaulich begonnen. Am ersten Tag unternahmen wir einen kurzen Schwenk in die falsche Richtung zu den Ruinen von Jiaohe. Jiaohe wurde während der Han-Zeit im 14. Jahrhundert errichtet, um die Grenzen des chinesischen Reichs nach Westen hin abzusichern. Da es hier nur sehr selten regnet, sind die Ruinen in einem ausgezeichnetem Zustand. Auf einem weitläufigem Plateau in atemberaubender Landschaft stehen bis heute ganze Gebäudeteile, buddhistische Tempel und selbst die alten Straßen dienen noch als Wege, auf denen die Touristen die Ruinen bestaunen. Wir waren absolut begeistert.

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Am nächsten Tag führte uns unser Weg vorbei an den rot-goldenen Flammenden Bergen zu einem wunderschönen Zeltplatz zwischen Chunchen und Blick auf das Tianshan-Gebirge. Das Land ist trocken, staubig und nur ein dünner Strich zwischen den beiden Bergketten ist besiedelt und bietet genug Wasser für Ackerbau. Auch hier dominieren kleine Backstein-Höfe und ulmengesäumte Bewässerungskanäle das Bild neben der Landstraße. Die Schnellstraße, die durch dieses Gebiet läuft, verbindet Xinjiang und seine Rohstoffe mit dem Rest Chinas. Alles befindet sich daher in einem schnellen Wandel. Diese Tatsache erschwerte unsere Wegsuche deutlich. Ständig verschwand die Landstraße entweder im Staub oder in der neu gebauten Autobahn und wir mussten sehen, wie es weitergehen könnte. Doch eine ganze Reihe spektakulärer Schlafplätze, darunter eine verlassene Ziegelbrennerei und ein verlassenes Dorf im Schilf, entschädigten uns hierfür.

 

Ab in die Wüste

Nach drei Tagen war Schluss. Die Landstraße endete endgültig und unvermittelt in der Autobahn. Eine Rudel aggressiver Schoßhunde (kein Witz!), das nicht von unseren Versen weichen wollte, zwang uns zu einer schnellen Entscheidung: 310 Kilometer Autobahn oder über eine alternative Landstraße durch die offene Wüste. Wir entschieden uns für die Wüste.

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Die Sonne brannte, ein scharfer Gegenwind erschwerte das vorankommen, der Blick ruhte auf der schnurgeraden Straße und dem Tacho. Tag für Tag! Wir hatten viel Zeit abzuschalten. Nur das monotone Treten und gelegentlich überholte ein LKW. Die Landschaft wirkte ewig gleich: brauner Staub unter grauen Kieselsteinen. Doch ab und an hält die Wüste Überraschungen bereit. Zackige rote oder weiße Berge am Horizont, eine einzelne Düne oder große bizarr geformte Felsen brachen die Monotonie und rissen uns kurz aus unseren Gedanken, bis sie vorübergezogen waren. Die Tage verschwammen. Wo waren wir gestern und wo haben wir geschlafen?

 

Ganz schön wüst

Ein endloses Meer aus Staub, Sand und Steinen mit einer, nur einer winzigen Straße, die Zivilisation bedeutet – Links nicht, rechts nicht! Ein beeindruckendes Erlebnis. Es ist wirklich ein Unterschied ob man nur kurzer Besucher in einer Wüste ist oder mit einem Auto oder Bus durch sie hindurch fährt, oder ob man sich ihr wirklich für Tage aussetzt. Zwei winzige Fahrräder und wir in einer der lebensbedrohlichsten Umgebungen auf diesem Planeten. Kein Strauch, kein Grasbüschel wächst hier. Alles, das wir zum Leben benötigten, mussten wir hierher mitbringen und möglichst sparsam damit haushalten. Wasser blieb nur zum Trinken. Für den Abwasch oder die Körperpflege standen nur verschwindend geringe Reste zur Verfügung. Dazu kam der Staub. Er war einfach überall. In Essen, Kleidung, Haaren und jeder einzelnen Pore unserer Körper. Zusammen mit der trockenen Luft verwandelte er die Haut innerhalb weniger Tage in Schmirgelpapier. Die Hände sahen aus wie die von 80-jährigen Grubenarbeitern und rissen schon bei kleinen Tätigkeiten einfach ein.

 

Unter dem Strich

Die Wüstendurchquerung war ein beeindruckendes und elementares Erlebnis. Nicht zuletzt der Orkan hat verdeutlicht, wie dünn die Linie manchmal ist. Keine Maßnahme konnte uns auf dieses Ereignis wirklich vorbereiten. Die Wüste entscheidet, wie lange der Orkan weht, und das Glück, ob ein LKW oder Pickup vorbei kommt und hält.

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Schon jetzt haben wir einen neuen Blick auf China erhalten. China besteht nicht aus Bambusheinen, Reisfeldern und Pandabären, sondern aus Wüsten! Von Kashgar bis Peking zieht sich einer der größten Wüstenstreifen. Unser kurzer Einblick in das Leben in und mit der Wüste ist Lebensrealität für einen guten Teil der Menschen in diesem Land. Es wirkt mutig, erstaunlich, bewundernswert aber nicht zuletzt auch ein wenig größenwahnsinnig und chancenlos, wie alles unternommen wird, diese Wüsten zu „nutzen“. Ölbohrtürme stehen direkt neben dem Grundwasserbrunnen im Traubenfeld, ein riesiges Atomkraftwerk wird Mitten in der Wüste errichtet und Pioniere ziegeln wacker an der neuen Ansiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft unlängst aufgebenden Höfe.

 

Text & Fotos: Melanie & Sebastian von Chinacrossing 

Über Chinacrossing: Die China-Wissenschaftlerin Melanie und der Alpin-Sportler Sebastian durchqueren das Reich der Mitte auf dem Fahrrad – 8.000 Kilometer von den eisigen Steppen im Westen zu den tropischen Sandstränden im Südosten des Landes. Auf www.chinacrossing.de bloggen sie über ihr Abenteuer.