LGBT in China: Homosexuelle häufiger depressiv

Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage zeigt: In China erkranken Homosexuelle vier mal öfter an Depressionen als Heterosexuelle. Die psychischen Probleme entstehen vor allem deshalb, weil die Eltern Druck auf ihre Kinder ausüben.

Ernie und Bert

Hoffen vielleicht auch auf Anerkennung: Ernie und Bert/ Foto: See-ming Lee 李思明 SML

„Ich weiß, dass es schwer für dich zu verstehen ist, wie romantisch ich mich zu einer Frau hingezogen fühle“, schrieb Gigi Chao ihrem 77-jährigen Vater. Sie ist wohl das bekannteste Beispiel dafür, dass es Homosexuelle in China nicht leicht haben. Die 33-jährige Tochter des Immobilientycoons Cecil Chau Sze-tsung hatte ihren Vater Anfang des Jahres in einem Brief in der South China Morning Post öffentlich dazu aufgefordert, endlich ihre Ehepartnerin Sean Eav zu akzeptieren.

Obwohl sich Gigi Chao schon lange zuvor zu ihrer Partnerin bekannte, hatte der Vater die sexuelle Orientierung seiner Tochter nicht billigen wollen. Mehrmals gab er öffentlich bekannt, seine Tochter sei Single und erhöhte unablässig die Mitgift. Letztendlich bot er dem Mann, der seine Tochter heiraten würde, sogar 90 Millionen Euro.

Homosexuelle häufiger psychisch krank

Leider ist Gigi Chao kein Einzelbeispiel für Intoleranz und Ablehnung. Das Beijinger Zentrum für Homosexuelle und das Institut für Psychologie unter der Chinesischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichten kürzlich einen Bericht über das emotionale, psychische und soziale Wohlbefinden von Homosexuellen in China. Zum ersten Mal wurden bei der zugrundeliegenden Umfrage auch Frauen berücksichtigt. Insgesamt wurden 1.600 Homosexuelle aus ganz China befragt. Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  • Bei rund 30 % der Homosexuellen wurde eine Tendenz zur Depression festgestellt.
  • 20 % von ihnen wiesen sogar ein hohes Risiko für Depressionen auf.
  • Homosexuelle erkranken viermal häufiger an Depressionen als andere Gruppen.
  • Nur wenige sind bereit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Erklären lassen sich diese Ergebnisse vor allem durch die niedrige gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität in der chinesischen Gesellschaft. Zwar hat sich die Lage für Homosexuelle seit Gründung der Volksrepublik 1949 stark gebessert, doch bis zur wirklichen Akzeptanz ist es noch ein weiter Weg.

Homosexualität als Geisteskrankheit

Während der Kulturrevolution wurden Homosexuelle verfolgt und hingerichtet. Bis 1997 war Homosexualität in China illegal und galt bis vor 13 Jahren offiziell sogar noch als Geisteskrankheit. Die Gesetzeslage hat sich geändert, das Umdenken der Menschen erfolgt aber nur langsam. Noch heute halten viele Homosexualität für eine Krankheit, die man heilen könne. Dabei kommen die absurdesten Mittel wie Elektroschocks oder Brechmittel zum Einsatz.

Von den schätzungsweise 30 Millionen Homosexuellen in Festlandchina leben bis zu 90 % in Scheinehen. Die meisten wollen so das Zerwürfnis mit den Eltern vermeiden. Viele aus der älteren Generation sind zu konservativ geprägt und würden Homosexualität ihrer Kinder nicht akzeptieren, würden versuchen sie zu ändern oder sich von ihnen abwenden. Hinzu kommt, dass in China der Familienerhalt sehr groß geschrieben und die Zeugung von Nachkommen als Pflicht gesehen wird. Ohne Nachkommen kein Ansehen. So die traditionelle Sicht der Dinge.

Hoffnung auf Besserung

Zeichen wachsender Toleranz gibt es jedoch, vor allem in den Metropolen Chinas. In Shanghai findet jedes Jahr eine Regenbogenparade statt. Es gilt als Chinas Mekka für Homosexuelle. Auch in Peking gibt es mittlerweile zahlreiche Treffpunkte Homosexueller.

Zudem setzen sich mehr und mehr Organisationen für Akzeptanz und Toleranz von Homosexualität in der chinesischen Gesellschaft ein. Doch bis sie ihr Ziel flächendeckend wirklich erreicht haben werden, wird es noch viele Jahre dauern.

 

Text: Verena Weber