Konfuzius für die Gegenwart

Konfuzius sagt: Wenn der Vater des Diebstahls an einem Schaf bezichtigt wird, ist es ein Zei-chen der Aufrichtigkeit, wenn der Sohn ihn deckt, nicht hingegen, wenn er gegen ihn aussagt. Dass diese Parabel durch den Nationalen Volkskongress vor kurzem in Paragrafen gegossen wurde, verdeutlicht einmal mehr die Wiederbelebung des Konfuzianismus.

KonfuziusStatute des Konfuzius / Foto: Bernhard Wintersperger (flickr.com)

“Konfuzius sagt”; mit diesen Worten leiten Chinesen nach Vorstellung vieler Menschen hierzulande regelmäßig ihre Argumente ein. Zwar kommt dies keineswegs so häufig vor, wie vermutet. Allerdings ist der Konfuzianismus längst in das Zentrum der ethischen Aufmerksamkeit in China zurückgekehrt, aus welchem er vor etwas mehr als hundert Jahren zunehmend verdrängt wurde. Als besonders plastisches Beispiel für diese Rückkehr kann die eingangs erwähnte Parabel gesehen werden.

Konfuzius und das Dilemma zwischen Familie und Staat

In der zugrunde liegenden Geschichte, wiedergegeben im dreizehnten Kapitel des Lunyu, fand Konfuzius sich in einem Zwiegespräch mit einem Offiziellen des Reiches der Chu, dem Fürsten Ye, wieder. Dieser wusste zu berichten, dass es in seinem Reich wahrhaft aufrichtige Menschen gibt: Stiehlt der Vater ein Schaf, so legt der Sohn Zeugnis hierüber ab. Konfuzius entgegnete dem, dass die Aufrechten in seinen Landen anders wären: Stiehlt der Vater ein Schaf, so deckt der Sohn den Vater so wie auch der Vater den Sohn decken würde. Darin äußere sich (auch) eine Form der Aufrichtigkeit. Hier zeigt sich sofort das greifbare Dilemma: Welche Einheit ist schützenswürdiger? Die kleine Einheit der Familie bzw. der Vater-Sohn-Beziehung, oder die große Einheit des Staates?

Konfuzius vor Gericht

Wie wäre der von Konfuzius geschilderte Fall aus heutiger Sicht und nach dem gegenwärtig geltenden Recht der Volksrepublik China zu beurteilen? Sprechen die heutigen Gesetze die Sprache des Konfuzius oder eher die des Fürsten Ye aus dem Reich der Chu?

Angenommen also, ein Vater hat von einem Fremden ein Schaf und somit – nach chinesischem wie auch nach deutschem Recht – eine Sache entwendet, und zwar ohne dass er hierfür irgendein Recht gehabt hätte. Angenommen weiterhin, der Fall hat sich in Konfuzius’ Heimatstadt, der heutigen kreisfreien Stadt Qufu in der Provinz Shandong zugetragen. Es kommt zum Prozess, vermutlich vor dem Volksgericht der kreisfreien Stadt Qufu. Der Sohn des Vaters hat den Diebstahl wahrgenommen und erhält eine Mitteilung, er solle vor Gericht als Zeuge erscheinen und Zeugnis über die Tat seines Vaters ablegen. Welche Möglichkeiten böten sich dem Sohn nun?

Lügen erlaubt?

Im Falle einer Aussage hätte er zunächst die Pflicht, wahrheitsgemäß auf die Fragen des Justizpersonals und der Parteien zu antworten. Darauf würde man ihn bereits in der schriftlichen Mitteilung des Gerichtes ausdrücklich hinweisen. Würde er, was technisch natürlich ebenfalls im Bereich des Möglichen liegt, wahrheitswidrig aussagen, so liefe er Gefahr, sich selbst strafbar zu machen. Sofern Konfuzius also mit dem “Decken” des Vaters eine Falschaussage intendierte, ließe sich hier bereits festhalten, dass der konfuzianischen Aufrichtigkeit vor den Gerichten der Gegenwart enge Grenzen gesetzt sind.

Eine gewisse Konsistenz der konfuzianischen Morallehre vorausgesetzt, und dementsprechend annehmend, dass eine Lüge auch unter diesen Umständen nicht geboten sein kann, erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass Konfuzius unter dem “Decken”, im Rahmen der heutigen Gegebenheiten, eine Aussageverweigerung verstehen würde. Eben diese Möglichkeit wurde nun im Jahr 2012 für Familienmitglieder durch den Nationalen Volkskongress in die chinesische Strafprozessordnung aufgenommen. Während alle übrigen Zeugen nur unter Angabe eines legitimen Grundes um die Aussage herum kommen, können Ehepartner, Eltern und Kinder auch ohne das Vorbringen derartiger Gründe ihre Aussage verweigern.

Ein Wertekanon für die Hotelzivilisation und die 21-Gang-Generation

Die erwähnte Gesetzesänderung kann als besonders plastisches Zeichen der Wiederbelebung des Konfuzianismus gesehen werden. Gleichsam ließe sich aber auch argumentieren, dass diese Reform lediglich eine Anpassung des noch jungen chinesischen Strafprozessrechts an internationale Standards darstellt. Denn die Möglichkeit der Aussageverweigerung für Familienangehörige existiert in vielen ganz und gar nicht konfuzianistisch geprägten Ländern schon seit Jahrzehnten, so etwa in Deutschland.

Dem ließe sich aber wiederum folgende Argumentation entgegen halten: Im zweiten Kapitel des Lunyu sagt Konfuzius: “Wenn man versucht das Volk durch Anordnungen zu führen und durch Strafen zu lenken, dann wird das Volk versuchen, sich diesen Anordnungen zu entzie-hen und dabei keinerlei Scham empfinden. Führt man das Volk durch Tugend und lenkt es durch die Riten, dann wird es Scham empfinden und sich um Besserung bemühen.” Auf die Gegenwart in China projiziert, müsste man meinen, Konfuzius habe sich nicht durchgesetzt; der Legalismus habe obsiegt. Gesetze und andere Rechtsnormen regeln alles und jede Lebenslage. Aber das gegenwärtig in China herrschende Konvolut an Gesetzen ist kein Relikt des Legalismus, sondern vielmehr ein Zeichen der Internationalisierung der Rechtsstaatlichkeit und des Rechtspositivismus.

Auf der anderen Seite sprechen zahlreiche Rechtsreformen der letzten Zeit die Sprache von Konfuzius’ vorstehendem Zitat: Die zunehmende Bedeutung und Betonung außergerichtlicher Streitbeilegung, die Einführung von Case-Law, oder die soeben erwähnte Möglichkeit der Aussageverweigerung für Familienmitglieder; Sie alle geben zu verstehen, dass Gesetze nur die ultimatia ratio sein sollten. Und wäre es nicht auch wünschenswert, in unserer heutigen “Hotelzivilisation”, wie Henry James es einmal bezeichnete, bei einer Generation, die mit 21 Gängen am Fahrrad anstatt mit dreien aufwächst, einen Wertekanon zu haben, der zu Reife erzieht und dadurch die abstrakten Gesetze ergänzt oder teilweise ersetzt?

Veranstaltungshinweis

Kai Schlender ist Mitglied des China Desks einer internationalen Kanzlei und Lehrbeauftragter der Sinologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Unter dem Titel “Konfuzius und das Gesetz” wird er im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften 2015 am 13. Juni um 21:30 Uhr im Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu diesem Thema einen Vortrag halten.