Kein einfaches Leben: Alte Menschen in China

Chinas Bevölkerung wird immer älter. Doch die Volksrepublik scheint auf die vielen pflegebedürftigen Alten alles andere als vorbereitet zu sein. Im Alter müssen sich die Enkel um bis zu sechs Senioren selbst kümmern.

Aktuell läuft in unseren Kinos der Film Tao Jie – Ein einfaches Leben. Das vielfach preisgekrönte Drama mit Hongkong-Star Andy Lau erzählt die Geschichte der Haushälterin Ah Tao, die nach einem Schlaganfall beschließt, in ein Altersheim zu gehen.

Regisseurin Ann Hui wirft in ihrem einfühlsamen Werk einen differenzierten Blick auf das Leben alter Menschen in China. Anlass für uns, uns näher mit diesem Thema zu beschäftigen.

Immer mehr Alte

Im weltweiten Vergleich ist China eine der am schnellsten alternden Gesellschaften. Heute leben in der Volksrepublik etwa 185 Millionen Chinesen, die 60 Jahre oder älter sind. Innerhalb der nächsten 40 Jahre soll diese Zahl auf bis zu 500 Millionen Menschen anwachsen – also auf rund ein Drittel der Bevölkerung.

Statistik-Altersdurchschnitt-China

Altersdurchschnitt in China 1950 bis 2015 (*Schätzung) / Quelle: Statista

Das Bewusstsein für die Schwierigkeiten des demografischen Wandels ist in der chinesischen Öffentlichkeit durchaus vorhanden: Sieben von zehn Chinesen bezeichnen die Überalterung als eines der Hauptprobleme ihres Landes. 2013 lockerte die Regierung deshalb sogar die Ein-Kind-Politik. 

Die Codes zur demografische Situation: 4 – 2 – 1 und 9 – 7 – 3

Die chinesische Ein-Kind-Politik ist eine der maßgeblichen Ursachen des sogenannten 4-2-1-Problems. Sprich: Ein Kind muss für zwei alte Eltern und bis zu vier Großeltern sorgen. Wie im Film Ein einfaches Leben gibt es für alte Menschen deshalb keine wirkliche Alternative zur Unterbringung in Altersheimen. Allerdings fehlt es bislang an flächendeckenden adäquaten Einrichtungen und gesellschaftlicher Akzeptanz.

Auch die Finanzierung der Pflege ist unklar. In diesem Zusammenhang kursiert ein weiterer Zahlencode: 9-7-3. Dahinter verbirgt sich folgende Prognose: Zukünftig wird die Betreuung von 90 Prozent der chinesischen Senioren zu Hause erfolgen, sieben Prozent werden in staatlich geförderten Institutionen gepflegt und lediglich drei Prozent werden ihren Lebensabend in privaten Seniorenheimen verbringen. Sollte sich das bewahrheiten, läge die Hauptverantwortung nach wie vor bei den Angehörigen.

Konfuzianische Tradition: für die Eltern sorgen

Kinder pflegebedürftiger Senioren befinden sich häufig in einer schwierigen Situation. Die Alten in Pflegeeinrichtungen abzuschieben, wird in China gesellschaftlich sehr viel negativer bewertet als im Westen. In der konfuzianischen Tradition hat der Respekt vor dem Alter einen enorm hohen Stellenwert.

Doch obwohl die Mehrheit der Kinder ihren Pflichten bei der Versorgung der Alten gerne nachkommen möchte, ist das nicht immer möglich. Beispielsweise sind viele Chinesen der jüngeren Generation als Wanderarbeiter in die Städte gezogen – weit entfernt von ihren Eltern. Die chinesische Regierung will jedoch die Kinder auf juristischem Weg stärker in die Pflicht nehmen: Im letzten Jahr trat ein Gesetz in Kraft, das unter anderem regelmäßigen Kontakt mit den Eltern und finanzielle Zuwendungen fordert. Da Zuwiderhandlungen nicht unter Strafe gestellt werden, hat die Verordnung aber eher einen symbolischen Charakter.

Pflegeangebote in China noch unterentwickelt

Trotz aller Bemühungen um Alternativen steht fest, dass in der Volksrepublik die Nachfrage nach Pflegeangeboten in den nächsten Jahren beträchtlich steigen wird. Bereits heute sind anstatt der benötigten zehn Millionen Altenheim-Betten nur fünf Millionen Plätze vorhanden. Das veranlasste die Regierung dazu, Mitte 2013 den Markt der Seniorenbetreuung auch für ausländische Investoren zu öffnen.

Senioren in China

Alte Menschen spielen Mahjong in Hong Kongs Straßen / Foto: Michael Elleray (Flickr)

Nicht nur im Bereich der Altenheime besteht im Vergleich zu westlichen Ländern Nachholbedarf: Angebote wie Sozial- oder ambulante Pflegedienste sind in China noch unüblich, und eine Ausbildung für Altenpfleger gibt es nicht. Diese Aufgaben werden bisher von ehrenamtlichen Vereinigungen und Nachbarschaftsinitiativen übernommen.

Das Schicksal der Filmfigur Ah Tao ist in der chinesischen Realität also kein Einzelfall. Wer sich mit Chinas Gesellschaft ernsthaft auseinandersetzen möchte, sollte den Film Ein einfaches Leben deshalb auf keinen Fall verpassen.

 

Text: Rosi Bach