Interview mit Su Di: Kaffee und Computer

Su Di sieht jeden Tag Dinge, die es in China eigentlich nicht geben dürfte: Innovation und junge Kreative. In seinem „Garage Café“ trifft sich die digitale Startup-Szene Pekings.

Herr Su, wer sind die bekanntesten Gesichter, die sich unter Ihre Gäste mischen?

Su Di: Ich kenne meine Gäste in der Regel sehr gut, weil ich fast jeden Tag hier bin. Die Gäste sind eigentlich nur reguläre Startup-Unternehmer. Berühmte Gesichter oder so etwas habe ich hier noch nicht gesehen.

Gibt es so etwas wie einen chinesischen Steve Jobs oder Bill Gates?

Su Di: Ich glaube, es fehlt in China noch an solchen Leuten. Andererseits kann man die beiden auch kaum kopieren.

Was für eine Idee steckt hinter dem Garage Café?

Su Di: Im Garage Café können Gründer zusammenarbeiten und sich gegenseitig kennenlernen. Wir wollen hier eine Atmosphäre und Bedingungen schaffen, die nötig sind, um als Startup erfolgreich arbeiten zu können. Deswegen dient das Café als Büro und Treffpunkt. Das spart Ressourcen für den Einzelnen und man kann sich gegenseitig unterstützen.

Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Gründer, die hierher kommen?

Su Di: Das sind viele verschiedene. Am meisten leiden sie unter fehlender Erfahrung, fehlender logistischer Unterstützung, fehlender Manpower, fehlender Marketingkompetenz sowie unter Ratlosigkeit bei Investitionsfragen.

Wie verdienen Sie Geld mit Ihrem Café?

Su Di: Als Café allein kann man jedenfalls nicht reich werden. Die Gründer zahlen nur ihre Getränke und bekommen von uns einen Büroplatz gestellt. Geld verdiene ich über Merchandise-Produkte wie T-Shirts und vor allem über Beratungsleistungen. Dazu bieten wir verschiedene Pakete an, die Datencenter, Netzwerke, Software, Logistik sowie natürlich Beratung zu steuerlichen und rechtlichen Aspekten bieten. Drucken darf man dann auch bei uns. Obwohl diese Leistungen eigentlich einen Wert von rund 86.000 RMB haben, bieten wir sie den Startups jährlich für nur 1.500 RMB an. Unsere Marke nutzen wir dabei auch, um bei großen Unternehmen Unterstützung für die Startups zu finden. Die Unternehmen profitieren gleichzeitig von uns und wir schaffen so Kontakte in beide Richtungen.

Was unterscheidet Ihr Café von einem Szenetreff in San Francisco?

Su Di: Bei uns geht es nicht nur um Internet-Unternehmen, sondern um junge Startups allgemein.

Würde es Sinn machen, dass Garage Café als Marke auch in andere chinesische Städte zu bringen?

Su Di: Seitdem das Wallstreet Journal ausführlich über das Garage Café berichtete, wird unser Konzept hauptsächlich in den USA aufmerksam beobachtet. Die finden übrigens, dass unsere Idee sehr amerikanisch ist. Vielleicht findet man das als eine Art Franchise demnächst in San Francisco oder in New York. In China werde ich vorläufig keine weiteren Garage Cafés eröffnen. Peking ist der beste Platz mit dem größten Potenzial, was Innovationen und Startups betrifft.

Wie ist die Stimmung in der Internetgründerszene in China?

Su Di: Momentan ist die Atmosphäre sehr gut für Internet-Startups. Es gibt noch viel Raum für die Entwicklung innovativer Internet-Dienste. Da besteht durchaus Nachholbedarf. Und die Kosten sind überschaubar.

Und die Erträge?

Su Di: Tatsächlich hatten wir sehr viele Teams bei uns, die mit guten Ideen viel Geld verdient haben. Zwei Leute haben hier eine App für das iPhone entwickelt, die sich Softbox nennt. Sie ist inzwischen mehr als eine halbe Million Mal heruntergeladen worden – für einen Preis von 0,99 Dollar. Aber finanzieller Erfolg kann auch trotz einer guten Idee ausbleiben.

Wie groß ist der Bedarf nach Fachkräften bei den Startups?

Su Di: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es im Augenblick nicht genügend gut ausgebildete Fachleute. Obwohl jedes Jahr viele junge und auch gute Studenten die Universitäten verlassen, besteht auch weiterhin ein riesiger Bedarf. Doch auch die Absolventen brauchen einige Zeit, um sich im Arbeitsleben zurechtzufinden.

Wäre das auch eine Chance für deutsche Fachkräfte, in China Fuß zu fassen?

Su Di: Natürlich. China entwickelt sich beständig weiter und hat einen großen Bedarf an ausländischen Studenten. Daran können beide Seiten partizipieren.

Welche digitalen Angebote nutzen Sie?

Su Di: Ich nutze das Internet meistens, um mit anderen zu kommunizieren. Gerne schaue ich auch Filme im Netz. Eine meiner Lieblingswebsites ist blog.sina.com.cn. News-Seiten oder soziale Netzwerke benutze ich seltener. Und meine Fraukauft gerne im Internet ein.

Wie nehmen die Chinesen das Internet in China wahr?

Su Di: Das kann man nicht so einfach sagen, weil verschiedene Leute verschiedene Ansichten haben. Sicher ist, dass die Zahl der Nutzer rapide steigt. Diese Entwicklung wird dazu führen, dass sich der Umgang mit Inhalten verändert unddass es allgemein offener wird.

Unterstützt der Staat die Bemühungen der Online-Industrie in China?

Su Di: Insbesondere die Entwicklung des mobilen Internets wird unterstützt. Die Regierung investiert in den Ausbau der technischen Voraussetzungen und fördert Firmen, die sich intensiv mit dieser Zukunftstechnologie beschäftigen. Die Unterstützung entspricht sogar in etwa der des Garage Cafés.

Für was nutzt der Durchschnittschinese das Internet?

Su Di: Für soziale Kontakte, aber auch für Spiele und Unterhaltung. Letzteres vielleicht sogar mehr als im Westen. Das ist zumindest meine Wahrnehmung.

China gilt immer noch als Werkbank der Welt. Wie viel und was fehlt den Chinesen noch zum Innovationsmotor?

Su Di: An Kreativität oder Innovationsfreude fehlt es den Chinesen mit Sicherheit nicht. Viele Chinesen stecken als Designer oder Erfinder hinter innovativen Unternehmen. Spontan fallen mir Steve Chen von Youtube und Jerry Yang von Yahoo ein. Doch Innovationen geschehen auch hier in China täglich. Achten Sie in Zukunft einmal darauf. Auch wenn es stimmt, dass das chinesische Bildungssystem die Kreativität nicht unbedingt fördert, sollte man nicht übersehen, dass dasPotenzial in China einfach gewaltig ist. Da bleiben immer genügend kreative Köpfe übrig – und sie werden immer mehr.

Viele beliebte Internetangebote in China gelten als Kopien westlicher Vorbilder wie Twitter (Sina Weibo), Facebook (Ren Ren) oder ICQ (QQ). In welcher Hinsicht sind die Chinesen im Bereich Onlinemedien dem Westen voraus?

Su Di: Im Internet sind wir dem Westen in vielerlei Hinsicht voraus. Wir haben eine tolle Suchmaschine namens hao123.com. Außerdem ist unsere Spieleentwicklung, was Browsergames angeht, viel weiter entwickelt. Und dann gibt es noch soziale Netze wie douban.com, die der Westen sogar nachahmt.

Würden Sie eher in Aktien chinesischer Internetunternehmen investieren als in Facebook?

Su Di: Leider habe ich zu Beginn selbst Aktien von Facebook gekauft. Jetzt lasse ich das lieber. Vielleicht würde ich noch in Aktien eines Unternehmens investieren, das mit Hilfe des Garage Cafés groß geworden ist.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie in Peking Spaß haben möchten?

Su Di: Ich fahre gerne Fahrrad oder spiele Basketball. Abends gehe ich manchmal mit Freunden grillen, Hot Pot essen oder ein Bier trinken.

Herr Su, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Adrian Kummer & Ying Tang / Fotos: Wang Bo