Immer mehr Chinesen bekommen ein zweites Kind

Anfang 2014 lockerten die ersten chinesischen Provinzen die Regelungen zur Ein-Kind-Politik. Immer mehr Chinesen bekommen deswegen jetzt ein Geschwisterchen – das demografische Problem des Landes ist aber noch lange nicht gelöst.

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Eigentlich stimmt schon der Begriff ‚Ein-Kind-Politik‘ nicht ganz, hat es doch immer Ausnahmen zu der 1979 eingeführten Regelung gegeben, nach der jeder Chinesen nur ein Kind bekommen darf. Zeitweilig war nur rund ein Drittel der chinesischen Bevölkerung von der Beschränkung betroffen – für die Menschen auf dem Land und die ethnischen Minderheiten etwa galten schon immer Ausnahmen. In China selbst spricht man deswegen auch neutraler von der Politik der Geburtenplanung (jihua shengyu zhengci).

Ende 2013 verkündete die chinesische Regierung dann nach einem Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, die Regelung zu lockern. Seitdem können Familien zwei Kinder bekommen, wenn ein Elternteil ein Einzelkind ist – bis dahin mussten beide Eltern Einzelkinder sein, um zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen zu dürfen. Die ostchinesische Provinz Zhejiang war die erste, die die neue Politik durchsetzte, wenig später folgte Peking. Dort zeigt sich jetzt die Auswirkung der Neuregelung.

Peking: Immer mehr Paare wollen zweimal Nachwuchs

Einer neuen Statistik zufolge beantragten in den vergangenen sechs Monaten 21.249 Pekinger Paare, ein zweites Kind bekommen zu dürfen – in 19.363 Fällen wurde ihrem Ansinnen stattgegeben. Die Mehrheit der Frauen, die sich ein zweites Kind wünschten, war demnach zwischen 31 und 35 Jahren alt.

Aber nicht alle, die jetzt ein zweites Kind bekommen dürfen, wollen auch eines. Gerade in den großen Städten ist das Leben teuer, die Preise für Immobilien steigen von Jahr zu Jahr. Ein Kind zu haben ist da schon teuer, ein zweites können sich nur die wenigsten leisten. Die chinesische Regierung rechnete nach Einführung der Neuregelung noch damit, dass zwischen 15 und 20 Millionen Familien jetzt ein zweites Kind bekommen könnten – eine Untersuchung aber hat in der Zwischenzeit gezeigt, dass nur die Hälfte davon auch mehr als ein Kind möchte.

30 Millionen Frauen fehlen

Neben finanziellen spielen zunehmend auch private Gründe eine Rolle. Selbstverwirklichung oder Erfolg im Beruf werden wichtiger eingeschätzt als ein zweites Kind. Die Folgen: die chinesische Gesellschaft altert. Noch wächst die Gesamtbevölkerung zwar, 2030 aber soll damit Schluss sein. Dann wird der Nachwuchs überall fehlen, vor allem in der Industrie. Und noch einen zweiten Verlierer wird es geben: heterosexuelle Männer, die keine Partnerin mehr finden. Schon im Jahr 2020, so eine Untersuchung, könnte es in China 30 Millionen mehr Männer als Frauen geben. Die neuen Zahlen aus Peking sind also zwar ein Schritt in die richtige Richtung – aber nur ein ganz kleiner.

Text: Sven Hauberg / Foto: Athena Lao (flickr.com)