Hot on Weibo #32: Mit Mikro-Blogs gegen Schriftzeichen-Amnesie

Handgeschriebene Notizen sind der neueste Schrei auf Sina Weibo, Chinas größter Mikroblogging-Plattform. Warum, erklären wir euch im neuen „Hot on Weibo“.

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Foto: Lydia Liu via Flickr

Zu Beginn ein paar Zahlen:

  • 85.568 chinesische Schriftzeichen enthält das renommierte chinesische Wörterbuch Zhonghua Zihai (中华字海) insgesamt
  • Ein gebildeter Chinese kennt von diesen etwa 8000 Schriftzeichen
  • Das komplizierteste Schriftzeichen heißt „biang“ und besteht aus 58 Strichen.

Solche Zahlen bringen nicht nur westliche Chinesisch-Schüler zur Verzweiflung, sondern auch die Chinesen selbst. Zu Schulzeiten müssen sie den ganzen Tag über (und oft auch die ganze Nacht) über ihren Büchern hocken und Schriftzeichen büffeln. Kein Wunder also, dass viele Chinesen im Zeitalter der Digitalisierung bequemer werden und sich gerne von digitalen Helferlein unterstützen lassen. Die Folge: Schriftzeichen-Amnesie!

Schriftzeichen-Amnesie als Folge der Digitalisierung

Schriftzeichen-Amnesie (tíbǐ wàngzì 提笔忘字) bezeichnet ein Phänomen, das nicht nur Chinesen, sondern alle Völker mit einer Schriftzeichenkultur im digitalen Zeitalter betrifft. Das Problem: Aufgrund neuer digitaler Eingabemethoden wird schlicht vergessen, wie Schriftzeichen mit der Hand geschrieben werden. Schuld sind digitale Schreibmethoden, bei denen keine einzelnen Strichfolgen in den Computer eingegeben werden müssen. Stattdessen werden die Silben der Lautschrift Pinyin in den Computer getippt und im Anschluss dann das passende Zeichen aus einer Liste ausgewählt:

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Die Folge ist, dass Chinesen weniger häufig als früher mit der Hand schreiben und somit aus der Übung kommen. Zwar werden Zeichen noch erkannt, das Schreiben mit der Hand wird aber – zumindest ohne die Hilfe eines Computers oder Smartphones – immer schwieriger.

Ein weiteres Hindernis: Auf sozialen Plattformen werden immer häufiger Zahlen statt Buchstaben verwendet. Die Zahlenkombination 520 (wǔ èr líng) beispielsweise, bedeutet aufgrund der homophonen Ähnlichkeit zu „wǒ ài nǐ“: „Ich liebe dich“.

TV-Sendung sucht den „Held der Schriftzeichen“

Bereits vor Jahren wurde das Problem der Schriftzeichen-Amnesie von der chinesischen Regierung als ernsthaftes Problem erkannt. Durch die Förderung von Kalligraphie-Unterricht will das Bildungsministerium die Handschrift-Fähigkeiten der Schüler verbessern und so dem Vergessen entgegenwirken.

Und auch das Fernsehen hat das Problem aufgegriffen: In der populären TV-Show „Held der Schriftzeichen“ (hànzì yīngxióng 汉子英雄) versuchen Teenager, anspruchsvolle Schriftzeichen möglichst korrekt zu schreiben. Der Kandidat mit den schönsten Zeichen gewinnt. Wie das genau aussieht, könnt ihr in diesem Video sehen:

Handgeschriebene Notizen als neuer Weibo-Trend

Der Handschriften-Trend setzt sich nun auf Weibo weiter fort: Seit einiger Zeit posten Netizens Bilder von handgeschriebenen Notizen und kommentieren die kalligraphischen Fähigkeiten anderer Weibo-Blogger. Inhaltlich sind die Notizen so reichhaltig wie jeder andere Weibo-Post. Häufig handelt es sich um Gedichte, kleine Geschichten oder Glückwünsche. Zum Muttertag am Sonntag beispielsweise hinterließen viele Mikroblogger ihren Müttern handgeschriebene Notizen statt rein digitalen Grüßen:

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Wieder andere nutzen den Trend, um kleine Weisheiten loszuwerden, denen das kalligraphische Element wohl noch mehr Ernsthaftigkeit verleihen soll:

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Übersetzung:

„Schwierigkeiten im Leben vergrößern unser Leid. Aber das ist kein Grund, sich minderwertig zu fühlen oder sich zurückzuziehen. Im Gegenteil sind diese Schwierigkeiten der Schleifstein, der das Leben noch brillanter macht.“

 

Text: Lisa Niklas