Grünes Gold: Hanfanbau in Yunnan

Die Hälfte der weltweiten Hanfproduktion stammt aus China. Allein in der Provinz Yunnan wird auf einer Agrarfläche von über 150 Quadratkilometern Hanf angebaut.

Die Straßen von Lijiang

Die Straßen von Lijiang / Foto: Tom Thai (Flickr)

Die meisten westlichen Reisenden sind in erster Linie verblüfft, wenn ihnen in den verwinkelten Gassen der historischen Städte Lijiang oder Dali in der Provinz Yunnan Cannabis zum Kauf angeboten wird. Doch noch erstaunlicher ist, wer einem da vom Straßenrand verschwörerisch „Marihuana, Marihuana“ zuraunt: Es sind alte Frauen mit tiefen Falten, die aus den verborgenen Tiefen ihrer traditionellen Trachtenkleider Beutelchen voller Gras hervorzaubern.

Hippieparadies Yunnan

Yunnan machte sich bereits Ender der 70er Jahre einen Namen als Kifferparadies, als die ersten Rucksacktouristen mit Entzücken feststellten, dass hier Marihuana an allen Ecken und Enden wuchert. Wer pünktlich zur Erntezeit im Frühherbst in Chinas südwestlichste Provinz kam, musste nur zugreifen. Die überall gratis verfügbare Droge löste einen wahren Rauschgifttourismus aus, der von den Behörden nicht lange unbemerkt blieb. Kampagnen zur Zerschlagung der Drogenkultur kamen ins rollen.

Während man in den 80er Jahren erfolgreich den Anbau von Schlafmohn unterbinden konnte, stießen die Behörden beim Verbot des Hanfs jedoch auf unvorhergesehene Probleme. Denn vor allem für Yunnans vielzählige Minoritäten ist diese alte Kulturpflanze von hoher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Ihre Samen dienen der Herstellung von Öl und Kosmetika, aus den Fasern werden Papier, Seile und Textilien gewonnen, und auch die medizinische Wirkung des THC ist der ländlichen Bevölkerung hinlänglich bekannt. In den Worten des Leiters der Drogenbekämpfungsabteilung der Behörde für öffentliche Sicherheit in Yunnan: „Es handelt sich um ein mustergültiges Produkt, das wertvolle Betriebsmittel für die unterschiedlichsten Bereiche liefert.“

Abgesehen von der wirtschaftlichen Bedeutung hat die Pflanze bei manchen Minoritäten aber auch rituellen Wert: Frauen der Miao oder Yao beispielsweise, die keine Hanfkleider besitzen, dürfen nicht heiraten.

Ein legaler Mittelweg

Anstatt den Anbau von Hanf schlichtweg zu verbieten, begann in den 90er Jahren die Suche nach einem Substitut. Für das zu diesem Zweck bestellte Forscherteam war das Ziel klar: Man brauchte einen Hanf mit niedrigem THC-Gehalt. Damit könnte die Pflanze weiterhin angebaut und zugleich der Drogenproblematik entgegengewirkt werden. Das Forscherteam hatte Erfolg. Es entwickelte einen Industriehanf mit weniger als 0,3% THC-Gehalt, der im Jahr 2001 offiziell anerkannt wurde.

Seither geht die Hanfproduktion in Yunnan einen legalen Weg. Der Anbau von Industriehanf ist gesetzlich reglementiert und immer mehr große Firmen pflanzen und verarbeiten Hanf mit sichtlichem wirtschaftlichem Erfolg. Damit einhergehend wird auch die Forschung vorangetrieben: Mittlerweile liegen von 606 weltweiten Patenten auf die Verarbeitung von Hanf ganze 309 bei chinesischen Unternehmen und Einzelpersonen.

Legalisierung von Cannabis?

Natürlich ist damit die Drogenproblematik nicht gänzlich vom Tisch. Offiziell wird zwar nur Industriehanf angebaut, doch THC-haltiger Hanf wächst in Yunnan nach wie vor. Um den illegalen Anbau von Rauschgifthanf zu unterbinden, werden von der Polizei Stichprobenkontrollen durchgeführt. Andererseits gibt es aber auch noch wild wachsenden Hanf, der mit jährlich im August stattfindenden Ausmerzungskampagnen verdrängt werden soll.

Hanf in Yunnan

Wilder Hanf in Yunnans Tigersprungschlucht / Foto: 21China

Die staatliche Haltung Chinas gegenüber dem Rauschgift Cannabis ist ganz klar eine ablehnende. Doch die neuesten Entwicklungen zeigen, dass es einen Mittelweg zwischen Legalisierung und rigorosem Verbot gibt. Vieles weist nun sogar darauf hin, dass es demnächst auch in anderen chinesischen Provinzen zu einer ähnlichen gesetzlichen Legitimation des Hanfanbaus wie in Yunnan kommen wird.

 

Text: Lukas Weber