Gaokao-Aufgaben 2014: Was chinesische Abiturienten wissen müssen

Der Gaokao ist die chinesische Variante der Abiturprüfung und gilt als ziemlich schwer. Wir zeigen euch, welche Aufgaben Chinas Schüler für ihre Hochschulzulassung lösen mussten.

Chinesische Schüler im Lernstress

Chinesische Schüler im Lernstress / Foto: Foto: kevin dooley (Flickr)

Die diesjährige chinesische Hochschulaufnahmeprüfung Gaokao haben die frisch gebackenen Abiturienten seit einer Woche hinter sich. Das chinesische Abitur gilt als eines der härtesten auf der Welt, vor allem weil es oft enorme psychische Belastungen für die Teilnehmer bedeutet. Man muss alles auf die zwei Junitage setzen, um eine möglichst gute Hochschule zu besuchen zu können und somit seine Zukunft zu sichern.

Alle Abiturienten werden in den drei Fächern Chinesisch, Mathemathik und Englisch geprüft. Die sogenannten Schüler geisteswissenschaftlicher Fächer (wenkesheng) legen zusätzliche Prüfungen in Geschichte, Geographie und Politik ab und die Schüler naturwissenschaftlicher Fächer (likesheng) in Physik, Chemie und Biologie. Bis auf dreizehn Provinzen, die vereinheitlichte Prüfungsaufgaben verwenden, legen die übrigen selber die Aufgaben fest.

Mathe

In der Provinz Zhejiang beschwert man sich diesmal über den hohen Schwierigkeitsgrad bei der Mathematikprüfung. Einen Eindruck könnt ihr anhand der letzten Aufgabe von insgesamt 22 gewinnen:

„Gegeben sei die Funktion f(x) = x³+3|x-a| (a ∈ R).

(I) Im Wertebereich [-1, 1] der Funktion f(x) sei das Maximum M(a) und das Minimum m(a), berechnen Sie M(a)-m(a);

(II) Sei b ∈ R. Es gilt [f(x)+b]² ≤ 4 für alle x ∈ [-1, 1], berechnen Sie den Wertebereich von 3a+b.“

Aufsätze

Die Aufsatzaufgabe in Chinesisch gibt gewöhnlicher Weise viel Gesprächsstoff ab, weil deren Thema im Vorfeld kaum vorauszusehen ist. Eine Online-Umfrage hat die Aufgabe der Provinz Anhui zum schwierigsten Thema gekürt:

„Schreiben Sie einen Aufsatz von mindestens 800 Wörtern anhand von folgender Lektüre:

Ein darstellender Künstler und ein Drehbuchautor streiten sich darüber, ob Schauspieler von ihrem Drehbuch abweichen dürfen. Der Künstler sagt, der Schauspieler soll schauspielern und nicht vom Skript ablesen; er darf, wenn es nötig ist, den Text ändern. Der Drehbuchautor sagt, das Drehbuch zeigt die künstlerische Absicht des Autors; der Schauspieler soll an der Originalität nichts ändern.“

Die Aufsatzaufgabe von der Provinz Sichuan ist hingegen kurz, ja fast minimalistisch gehalten:

„Zu welchen Gedanken regt Sie die folgende Aussage an? Schreiben Sie dazu einen Aufsatz von mindestens 800 Wörtern:

Die Welt gehört einem erst, wenn man selber wieder aufsteht.“

Geisteswissenschaften

Beschäftigen sich chinesische Jugendliche auch mit Regierungspolitik und aktuellen sozialen Themen? Zumindest für das Abitur müssen sie, wenn sie die geisteswissenschaftliche Prüfung ablegen, solche Fragen beantworten können. In einer der Politikaufgaben geht es zum Beispiel um die Informationsgesellschaft und den Datenschutz:

„(1) Fassen Sie anhand von Lesetext 1 Merkmale des Konsums elektronischer Medien in China zusammen und analysieren Sie die positive Auswirkung der Entwicklung dieses Konsums.

(2) Erörtern Sie anhand von Lesetext 2, warum Privatdaten der Bürger geschützt werden sollen und erklären Sie, wie der Volkskongress und die Regierung jeweils den Datenschutz gewährleisten.“

Wenn man in die Standardlösung solcher Aufgaben reinschaut, dann stellt man allerdings fest, dass es vielmehr um die Aufzählung offizieller Argumente geht als um eine echte Diskussion der Probleme oder eigene Ideen.

In Shandong ist das nicht anders. In einer der Aufgaben soll man die Veränderung des Umweltschutzgesetzes „philosophisch“ begründen. In der vorgegebenen Antwort stehen drei marxistisch angehauchte Parolen:

„Die Existenz der Gesellschaft bestimmt das Bewusstsein der Gesellschaft, ergo fordern Umweltprobleme die Anpassung des Umweltschutzgesetzes; der juristische Überbau soll ökonomischen Gesetzen entsprechen, ergo folgt die Gesetzesänderung der wirtschaftlichen Entwicklung; das Volk ist der Schöpfer der Geschichte, ergo soll die Gesetzesänderung die Produktions- und Lebensbedingungen des Volks verbessern.“

Reformen müssen her

In einer anderen Aufgabe zeigt sich die Kluft zwischen Parolen und Realität besonders deutlich und wirkt fast selbstironisch. Ein Text erzählt zunächst Anekdoten eines berühmten chinesischen Wissenschaftlers. In seiner Schulzeit hätte man nicht nur für die Prüfungen gelernt, man habe seinen Interessen auch außerhalb des Pflichtunterrichts frei nachgehen können. Und man hätte Wert auf Kreativität gelegt.

Anschließend wird nach der Bedeutung eines innovativen Bildungssystems gefragt – und das klingt fast schon wie der Ruf nach einer langersehnten Gaokao-Reform.

 

Text: Yan Peng