Ein Chinese in Taiwan – Teil 3: Von und in Taiwan lernen

Unser chinesischer Autor Yong Yang erfüllte sich dieses Jahr einen großen Traum. Er reiste zum ersten Mal nach Taiwan. Dort sah er auch, was China von Taiwan lernen könnte. In einer vierteiligen Serie berichtet er von seinen Erlebnissen.

tai2Straßenszene in Taipeh / Foto: demon jah bei flickr.com

An allen bedeutenden Sehenswürdigkeiten Taiwans findet man sie, die Trauben von Besuchern vom Festland. Bekannte Reiseziele wie den Alishan (Berg Ali) und den Sonne-Mond-See kenne ich noch aus meinen alten Grundschul-Lehrbüchern. Darüber hinaus Pflicht für jeden Taiwan-Touristen: Die Nationale Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle und das Nationale Palastmuseum, das die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstwerke von unschätzbarem Wert beherbergt.

Auch beim Sightseeing wird man als Tourist vom Festland mit dem Verhältnis der Heimat zu Taiwan konfrontiert. In der Nähe der großen Sehenswürdigkeiten verteilen Falun-Gong-Anhänger Flugblätter an Chinesen. Darin geht es um mutmaßliche Gräueltaten der Kommunisten gegen Falun-Gong-Praktizierende in der Volksrepublik – denn Falun-Gong ist dort offiziell verboten.

Taiwan will als Demokratie wahrgenommen werden

Demonstrationen gegen die Annäherungspolitik vor den Augen chinesischer Touristen sind üblich in Taiwan – ein bewusstes Mittel der nach Unabhängigkeit strebenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP). Die Partei nennt das „lebendigen Unterricht über Demokratie“. Er soll den Chinesen beweisen: Wir sind demokratischer als ihr, wir leben in einer Demokratie, in dem jeder offen gegen die Regierung demonstrieren darf.

Wie viel demokratischer es in Taiwan zugeht, wissen auch Wang Dan und Wu’er Kaixi. Die zwei waren Führungsfiguren der demokratischen Studentenbewegung im China der 80er Jahre. Sie erlebten 1989 das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Heute leben sie im taiwanischen Exil. Seit einigen Jahren veranstalten sie jährlich eine Gedenkveranstaltung für das Massaker in Taipeh. Gleichzeitig ist die Veranstaltung eine Demonstration für mehr Demokratie in der Volksrepublik.

Studenten profitieren von der Annäherung

Festlandchinesen dürfen Taiwan seit 2011 nicht nur als Touristen besuchen. Sie dürfen dort seitdem auch studieren. Ein weiteres Signal der Annäherung der regierenden Partei KMT. Auch wenn die Zeichen derzeit wieder auf Annäherung stehen: Die historischen Gräben zwischen beiden Nationen sind immer noch tief. Seitdem die vor der Revolution in China regierende KMT 1949 von den Kommunisten nach Taiwan vertrieben wurde, wird Taiwan als abtrünniger Teil der Volksrepublik propagiert. Bis heute sind in China tausende Raketen nach Taiwan gerichtet. Ein Friedensabkommen ist noch nicht in Sicht. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass Studenten vom Festland taiwanische Hochschulen besuchen dürfen. Das gegenseitige Vertrauen zwischen Peking und Taipeh wächst offensichtlich.

Weniger Stress im Studium

In der privaten Tunghai-Universität in Taichung treffe ich eine Studentin vom Festland. „Die ganze Stadt ist sehr sauber“, sagt die 19-Jährige aus Chengdu. „Die Nachtmärkte sind zwar überfüllt mit Besuchern. Doch anders als auf dem Festland ist der Boden nicht dreckig. Jeder nimmt seinen Müll mit bis zur nächsten Mülltonne.“

Wie auch schon mir, fällt ihr die Höflichkeit der Taiwaner auf.„Jeder sagt hier danke. Man ist allgemein rücksichtsvoller. Zum Beispiel lassen die Leute die linke Seite der Rolltreppe frei, damit Eilige passieren können.“ In Chengdu, sagt sie, stünden die Menschen überall auf der Rolltreppe. Das sei also etwas, dass man von den Taiwanern lernen könne. An ihrem Studium gefällt ihr übrigens der große Raum für Freizeit. „Im Allgemeinen hat man in Taiwan weniger Unterrichtsstunden“, meint sie und spielt auf den großen Stress an, dem Studenten in der Volksrepublik ausgesetzt sind – und fügt hinzu: „Ich fühle mich hier viel entspannter.“

Hier könnt ihr Teil 1 und Teil 2 der Serie nachlesen.