Ein Chinese in Taiwan – Teil 2: Essen, Japan und die Götter

Unser chinesischer Autor Yong Yang erfüllte sich dieses Jahr einen großen Traum. Er reiste zum ersten Mal nach Taiwan und lernte: Dort ist nicht nur Essen eine Glaubensfrage. In einer vierteiligen Serie erzählt er von seinen Erlebnissen.

tai2Straßenszene in Taipeh / Foto: demon jah bei flickr.com

Essen ist in der chinesischen Kultur ein wichtiges Ereignis. „Essen ist der Gott“ (民以食为天, min yi shi wei tian) lautet eine chinesische Redewendung. Und kein Ort versteht das besser als Taiwan. Neben normalen Restaurants gibt es in Taiwan überall Garküchen, wo neben Mittag- und Abendessen auch warmes Frühstück serviert wird. Unzählige lokale Gerichte findet man ebenso wie fast alle Spezialitäten vom Festland. Sogar Re Ganmian (热干面), eine Spezialität aus meiner Heimat Wuhan, habe ich zufällig auf einem Nachtmarkt gefunden. Für mich eine kleine Sensation. Ich fühlte mich sofort an meine Kindheit und Jugend erinnert.

China und Japan in Taiwans Kultur

Darüber hinaus ist japanisches Essen vollkommen in die kulinarische Kultur Taiwans integriert – ein Erbe, das die Japaner ihrer ehemaligen Kolonie (1895-1945) hinterließen. Heute ist die japanische Küche auf Formosa beliebter denn je. Nicht nur das Essen erinnert mich an meine Heimat. Auch in den Straßennamen erkennt man die Verbundenheit zum chinesischen Festland: Peking-Straßen, Nanjing-Straßen, Chongqing-Straßen. Sie gehen auf Taiwans chinesischen Staatsgründer und langjährigen Präsidenten Chiang Kai-shek zurück. Nachdem Japan der Republik China Taiwan übergab, wollte er die Bindung der Insel zum Festland stärken und die Spuren der Kolonialmacht verwischen.

In China zerstört, in Taiwan bewahrt

Auf den Straßen fielen mir außerdem die vielen Tempel auf. Rund 15.000 gibt es auf der Insel nach offiziellen Angaben. Sie sind allesamt Orte lebhafter Religiosität. In Taiwan bedeutet das meistens Buddhismus und Taoismus. Glaube und Religion spielen eine wichtige Rolle im Leben der Taiwaner. Täglich pilgern viele Menschen in die Glaubensstätten. Dort bitten sie die Götter um Glück für Familie und Beruf, gute Prüfungsleistungen, um Gesundheit, Geld- oder Kindersegen. Vor Wahlen besuchen auch Politiker gerne die Tempel.

Neben den großen Tempeln gibt es auf fast allen Straßen kleinere, fast privat scheinende Altarräume, etwa so groß wie eine Garage, in denen täglich Räucherwerk, Reis und frische Früchte an verschiedene taoistische oder buddhistische Götter geopfert werden. Die meisten Einheimischen besitzen außerdem Familienaltäre, an denen sie ihre Ahnen verehren – eine chinesische Tradition aus der Zhou-Dynastie.

In der Volksrepublik legt man eher wenig Wert auf Religion und ihre Ausübung. Zwar ist Religion heute erlaubt. Doch meistens müssen Tempel weichen, wenn mal wieder eine neue Schnellstraße gebaut werden soll. Während der Kulturrevolution wurden zahllose Tempel von den Roten Garden zerstört und Religion zu feudalistischem Aberglaube abgestempelt. Und auch heute noch stehen Atheismus und Wissenschaft im Fokus von Erziehung und Bildung.

Hier könnt ihr Teil 1 nachlesen.