Ein Chinese in Taiwan – Teil 1: Jahre des Wartens

Unser chinesischer Autor Yong Yang erfüllte sich dieses Jahr einen großen Traum. Er reiste zum ersten Mal nach Taiwan. Denn lange Zeit war das nicht möglich. In einer vierteiligen Serie erzählt er von seinen Erlebnissen.

tai2Straßenszene in Taipeh / Foto: demon jah bei flickr.com

Taiwan heißt offiziell Republik China. Für Peking ist sie eine 1949 erloschene Dynastie. Für Taiwan ist sie ganz real. Für Chinesen vom Festland bedeutet ein Urlaub auf der Insel eine Reise in die Vergangenheit. Denn hier wurde die chinesische Kultur mit ihren alten Traditionen von der Kulturrevolution verschont. Traditionelle chinesische Schriftzeichen sind hier immer noch so Teil des Alltags wie der buddhistische Glaube.

Taiwanische Dekadenz im chinesischen Fernsehen

Vor meinem Urlaub kannte ich Taiwan fast nur aus taiwanischen Fernsehserien, die im Festland vor allem in den 80er-Jahren die Hauptsendezeit dominierten. Die Dramen aus Taiwan eroberten nach der Öffnungspolitik der Achtziger nach und nach das chinesische Fernsehen. Sie unterschieden sich jedoch stark von den Propagandafilmen, die man auf dem Festland gewohnt war.

Die neuen Soaps und Filme zeigten uns ein Leben, das wir so nicht kannten: Schminke, schicke Kleidung und Frisuren, das Nachtleben in Diskotheken und Kneipen, und nicht zuletzt die wilden Partys. All dies war vor der Öffnungspolitik noch zur dekadenten Lebensweise des Kapitalismus abgestempelt worden. Mit diesen ersten Eindrücken aus Taiwan bin ich aufgewachsen. Für mich bedeutete Taiwan immer Offenheit, Fortschritt, Moderne und Reichtum.

Touristen vom Festland nicht selbstverständlich

Dass Chinesen vom Festland in Taiwan Urlaub machen, ist keine Selbstverständlichkeit. Erst seit 2008 dürfen sie als Touristen einreisen – zunächst nur in Reisegruppen, ab 2011 auch alleine. Das hat vor allem mit dem politischen Umschwung in Taiwan zu tun. Seit 2008 regiert wieder die Kuomintang (KMT) auf der Insel. Während die Regierung der Demokratischen Fortschrittspartei (DDP) zuvor auf Unabhängigkeit von der Volksrepublik pochte, suchte die KMT nach acht Jahren Sendepause wieder das Gespräch mit Peking.

Weil Festland-Chinesen lange Zeit keine Chance auf einen Urlaub in Taiwan hatten, war meine Sehnsucht nach einer Reise in den letzten Jahren stetig gewachsen. Ich wollte diesen anderen chinesischen Staat, der sich mehr als ein halbes Jahrhundert getrennt und parallel zur Volksrepublik entwickelte, endlich mit meinen eigenen Augen sehen.

Beeindruckende Höflichkeit der Taiwaner

13 Stunden Flug von Frankfurt nach Taipei. Dann betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben den Boden der Republik China. Was mir zuerst ins Auge fiel, war die Höflichkeit der Taiwaner. Egal wo man gerade ist, ständig hört man die Leute xiexie (谢谢 = danke) sagen. Selbst beim Busfahrer bedankt man sich beim Aussteigen. Auf dem Festland sagt man eher selten danke – wenn überhaupt.

Auch die Höflichkeit in den Läden zwischen Kunden und Verkäufern ist mir aufgefallen. Oder als ich an einem Imbissstand versehentlich zu viel bezahlte und mir das Personal beim Gehen hinterherrannte. Für die Taiwaner ist das selbstverständlich. Für mich war es bewegend, weil ich das vom Festland anders kenne. Dort kämpft man oft um die Plätze in Bussen und Bahnen, und immer wieder machen solche Sitzplatzprügeleien Schlagzeilen in den chinesischen Medien.

Hier geht es zu Teil 2 der Serie.