Chinas gefälschte Jungfrauen

Vor allem in Chinas Großstädten greift ein neuer Trend um sich: die Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Sie ist Chinas Männern genauso wichtig wie der Wunsch chinesischer Frauen nach einem reichen Ehemann.

China Hymenrekonstruktion

Machen rekonstruierte Jungfernhäutchen Chinas Frauen zu Objekten? / Foto: TheArches (Flickr)

Die sexuelle Befreiung nimmt auch in China ihren Lauf. Vor allem in Städten ist vorehelicher Sex keine Seltenheit mehr. Doch Hand in Hand mit der zunehmenden Offenheit verbreitete sich während der letzten Jahre ein nahezu gegensätzlicher Trend zur operativen Wiederherstellung des Jungfernhäutchens. Denn die Nachfrage nach entsprechenden chirurgischen Eingriffen steigt angeblich stetig.

Das zweite Erste Mal

Bei der sogenannten Hymenalrekonstruktion handelt es sich um eine unkomplizierte Operation, die bei lokaler Betäubung innerhalb einer Stunde durchgeführt werden kann. Üblicherweise wird das geplatzte Hymen genäht und die Patientinnen können bereits am nächsten Tag das Krankenhaus wieder verlassen. Die Preise liegen derzeit zwischen 2.000 und 3.000 RMB (230 bis 350 Euro) – Tendenz sinkend.

Doch es geht auch ohne chirurgischen Eingriff. Ein in Sexshop erhältliches künstliches Hymen ermöglicht es, das Erste Mal beliebig oft aufs Neue zu erleben – oder zumindest vorzutäuschen. Das ist nicht nur schmerzfrei, sondern auch wesentlich billiger. Das künstliche Hymen wird einfach in die Vagina eingeführt und sondert während des Verkehrs falsches Blut ab.

Das Produkt wurde auch in viele muslimische Länder exportiert, wo die Jungfräulichkeit in von religiöser Bedeutung ist. Doch warum ist das unversehrte Jungfernhäutchen in China so wichtig?

Ein Männerideal

Die chinesische Chirurgin Dr. Zhou Hong gab gegenüber der Washington Post an, es gebe im Grunde drei Gruppen von Frauen, die sich in China das Hymen wiederherstellen lassen. Es sind in der Regel Frauen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, sich gegenüber ihren künftigen Ehemännern aber als Jungfrauen ausgaben. Andere wünschen sich einfach einen Neustart nach einer gescheiterten Beziehung. Und einige wurden Opfer eine Vergewaltigung.

Dass viele Frauen ihr Jungfernhäutchen für den künftigen Ehepartner rekonstruieren lassen, ist laut Soziologen ein Hinweis auf einen starken konservativen Kern in der chinesischen Gesellschaft. Diese sei geprägt von Patriarchen und chauvinistischen Ansichten. Frauen unterzögen sich einem sinnlosen chirurgischen Eingriff, weil sie dem männlichen Wunsch entsprechen wöllten, eine Jungfrau zu heiraten.

Die Frau als Sexobjekt

Erstaunlicherweise ist ein derartiges männliches Wunschdenken nicht primär in den rückständigeren ländlichen Gebieten verbreitet, sondern vor allem unter der städtischen Mittelschicht.

„Mir ist die Jungfräulichkeit sehr wichtig“, sagt der Produktmanager einer Technologiefirma. „Wenn du dir ein Handy kaufst, dann soll es doch auch ein neues Handy sein. Wer würde genauso viel Geld für ein altes Handy ausgeben, das bereits seit zwei Jahren in Gebrauch ist?“ Dass er die Frau damit zum Sexobjekt macht, scheint ihn wenig zu stören.

Der Sexismus ist ein zweischneidiges Schwert

Doch der Jungfräulichkeitswahn ist nicht etwa ein Problem für sich, sondern Symptom einer übergreifenden Problematik. Aus feministischer Sicht ist der Anspruch der Männer auf eine jungfräuliche Partnerin nicht vertretbar. Allerdings stehen chinesische Frauen ihren Partnern im Normalfall um nichts nach.

Während für viele aufgeklärte Europäer immaterielle Werte wie Liebe, Respekt und Charakter im Vordergrund einer Partnerschaft stehen, spielt in Chinas Materielles eine entscheidende Rolle bei der Partnerwahl – vor allem für das weibliche Geschlecht. Im Reich der Mitte ist es für Frauen durchaus üblich, potenzielle Partner nach deren finanzieller Situation zu wählen. In einem Land, das bis 2020 einen Überschuss von 24 Millionen Männern aufweisen wird, haben Männer ohne Auto und eigene Wohnung auf dem Heiratsmarkt kaum mehr eine Chance.

Im Gegenüber in der Beziehung im wahrsten Sinne der Wortes das Objekt der Begierde zu sehen, trifft in China also auf beide Geschlechter zu. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint auch die Frage eines chinesischen Netizens legitim: „Wenn die Frauen von den Männern Häuser und Autos erwarten, warum können Männer dann nicht ihrerseits die Jungfräulichkeit fordern?“

Wie lautet eure Antwort auf diese Frage? Wir sind gespannt auf eure Meinungen in den Kommentaren!

 

Text: Lukas Weber