Chinas Bildungsdebatte: Tiger-Mama ade?

Ein chinesisches Kind bricht vor lauter Leistungsdruck unter den Augen von Millionen Fernsehzuschauern heulend zusammen – und löst damit erneut eine Debatte über Chinas Bildungssystem aus. Doch wer trägt Schuld am Bildungsproblem? Eine Spurensuche.

1

Chinesische Lehrerin: Frontalunterricht statt Mitmach-Pädagogik / Foto: Rex Pe (Flickr)

Es ist eine ergreifende Szene. Der 12-jährige hochbegabte Li Yunlong bricht in der chinesischen Import-Variante der Fernsehshow Deutschlands Superhirn unter dem Erfolgsdruck weinend zusammen. Sein gleichaltriger Herausforderer Andre aus Italien ist ebenfalls den Tränen nahe – nicht aus Druck, sondern aus Mitgefühl. Währenddessen blickt Vater Li Yong beschämt in die Kamera. Wie später herauskommen wird, hat er seinen Sohn enorm unter Druck gesetzt.

Der Fall des kleinen Li löste erneut eine Debatte über Chinas Bildungssystem aus, in der Millionen Kinder wie Li unter den Erwartungen ihrer Eltern leiden müssen. Er offenbart auch die Unterschiede zwischen den Kulturen: Der Chinese Li wurde von seinem Vater zu immer mehr Leistung gedrillt. Der Italiener Andre erlebt dagegen eine vergleichsweise unbeschwerte Kindheit, in der nicht nur Intelligenz, sondern auch Mitgefühl zählt. Ein Mikroblogger auf Sina Weibo fasst zusammen:

„In China gibt es es unzählige Väter wie Li Yong und unzählige Kinder, die so werden wie Li Yunlong. Aber wir bringen selten jemanden hervor, der so ist wie Andre.“

Von Tigervätern und Tigermüttern

Stehen Chinas Kinder also zu sehr unter Druck? Chinas Netzbürger scheinen sich da einig zu sein. Der Vater des jungen Li wird im Social Media bereits als Tigervater bezeichnet.

Damit flammt die Diskussion rund um die Erziehungsmethoden von Tigermutter Amy Chua wieder auf. Diese hatte 2011 in ihrem Buch Die Mutter des Erfolgs die zu lockeren Erziehungsmethoden des Westens kritisiert. Stattdessen plädiert sie für eine strenge, erfolgsorientierte Erziehung „chinesischer Art“, bei der auch mal Stofftiere verbrannt werden, wenn das Kind beim Klavierspielen keine Leistung bringt.

Schulklasse-Guizhou-China

Schüler in einem Dorf in der Provinz Guizhou / Foto: ToGa Wanderings (Flickr)

Die Methoden von Amy Chua lösten damals eine weltweite Debatte aus: Was ist von einer Erziehung zu halten, die China bei der Pisa-Studie zwar weit nach vorne bringt, den Kindern aber eine unglückliche Kindheit beschert?

Chinesische Jugendliche leiden eher unter Depressionen als Gleichaltrige in anderen Teilen der Welt. Auch Meldungen von Schülern, die aufgrund des hohen Leistungsdrucks Selbstmord begehen, sind keine Seltenheit. In einer Uni in Guangdong müssen Studenten neuerdings sogar Verzichtserklärungen unterschreiben, in der die Uni im Fall eines Selbstmords von jeglicher Verantwortung freigesprochen wird.

Schulreformen als Lösung?

Doch auch die Chinesen sind sich dessen bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht nur den Kindern zuliebe, sondern auch aus wirtschaftlichem Interesse. Denn momentan werden Innovation und Kreativität nicht genug gefördert. Das chinesische Bildungssystem wirkt dem bislang eher entgegen: Stures Auswendiglernen, enormer Prüfungsdruck und der ständige Vergleich mit den Mitschülern durch Klassenrankings treiben den Kindern jeglichen Spaß am Lernen aus. Und die natürliche Neugierde bleibt gleich mit auf der Strecke.

Selbst Chinas Bildungsministerium will Reformen durchsetzen. Im September letzten Jahres kündigte es an, Hausaufgaben für Grundschüler komplett abschaffen zu wollen und jegliche Prüfungen in den ersten drei Schuljahren zu verbieten. Extra-Unterrichtsstunden außerhalb des regulären Unterrichts sollten ebenfalls verboten werden – eine überraschende Wendung, zumal sie eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle für Chinas durchaus bestechliches Lehrpersonal darstellen.

Dennoch lösten die geplanten Reformen unter den Eltern keinerlei Erleichterung aus. Im Gegenteil: Viele Eltern brummten ihren Kindern kurzerhand einfach selbst Hausaufgaben auf und gaben selbstständig Zusatzkurse. Die Angst war zu groß, dass die eigenen Kinder im Konkurrenzkampf nicht mithalten könnten.

Waldorf- und Montessori-Schulen auf dem Vormarsch

Es scheint also, als würden alle über den Druck klagen – und dennoch mitmachen. Sind also doch die Eltern das eigentliche Problem?

Nicht ganz. Es scheint auch Mütter und Väter zu geben, die nach alternativen Schulformen suchen. So boomen mittlerweile auch in China Waldorf- und Montessori-Schulen. Die verfolgen eine ganzheitliche Pädagogik und betrachten den Menschen in seiner Gesamtheit – und nicht nur dessen Leistung. Schätzungen zufolge sollen in den letzten Jahren im Land rund 40 Schulen und etwa 500 Kindergärten dieser Art entstanden sein.

3-Chinesische-Schulklasse

Chinesischer Schul-Alltag: Überfüllte Klassen statt Montessori-Luxus / Foto: Rex Pe

Betrachtet man jedoch die Größte Chinas, ist diese rapide Entwicklung trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem sind die Schulgebühren immens hoch. Eine Lösung für die Massen ist das also nicht. Aber immerhin ein Anfang.

Ist Konfuzius an allem schuld?

Trotz Reformansätzen und alternativen Ideen: Der Bildungserfolg spielt in China eine enorme Rolle. Über 30% des Haushaltseinkommens geben städtische Familien in China durchschnittlich für die Bildung ihrer Kinder aus. In Großbritannien sind es gerade einmal 2%. Da liegt die Frage nahe: Ist das Bildungsproblem vielleicht ein kulturelles Problem? Ist vielleicht sogar der alte Konfuzius an allem Schuld?

Konfuzius trägt sicher seinen Teil zum Strebsamkeits-Fetisch der Chinesen bei. So kommen laut Konfuzius alle Kinder mit den gleichen Voraussetzungen auf die Welt. Weder Anlagen noch Begabungen noch Glück sind entscheidend. Allein durch Strebsamkeit und Bildung bilden sich (Status-)Unterschiede zwischen den Menschen heraus. Man muss sich also nur genug anstrengen – und schon ist einem der Erfolg im Leben beschert. Das setzt das Individuum natürlich unter Druck.

Ob nun die Eltern, das System oder Konfuzius die Schuld tragen: Das Problem ist erkannt und die chinesische Öffentlichkeit diskutiert immer wieder über mögliche Lösungen. Und es wird viel experimentiert – genau wie auch im Rest der Welt. Denn auch das chinesische Schulsystem nehmen sich einige Nationen zum Vorbild. Zum Beispiel Großbritannien, dessen Schüler beim letzten Pisa-Test bei den Mathe-Kenntnissen eher im Mittelfeld lagen: Um vom Erstplatzierten China zu lernen, importierte die britische Regierung vor kurzem 60 chinesische Mathe-Lehrer.

 

Text: Lisa Niklas