Blued: Wie eine App das Leben von Schwulen in China verändert

Online-Dating für schwule Männer ist in China auf dem Vormarsch. Vor allem Smartphone-Apps machen es den Nutzern leicht, Gleichgesinnte kennenzulernen.

bluednormalSo offen wie diese zwei jungen Männer beim Gay Pride in Taipeh können sich Schwule und Lesben in Festlandschina nur selten zeigen / Foto: Shih-Shiuan Kao (flickr.com)

Er nennt sich Max, ist 26 Jahre alt und stammt aus Shenzhen, im Süden Chinas. Sein Sternzeichen ist Waage, seine Blutgruppe 0. Im Bett ist er gerne der aktive Part. Nur seinen richtigen Namen, den will er nicht verraten. „Aber diese Informationen“, sagt Max, „sollten reichen als Grundlage für ein erstes Date.“

Max ist Nutzer von Blued, der größten Online-Community für schwule Männer in China. Damit ist er nicht alleine: Alleine in Shenzhen sind tausende Profile bei der Smartphone-App registriert. Max ist außerdem Mitglied in der Blued-Gruppe „Hübsche Jungs in Shenzhen“ und „Unverheiratete Schwule in Shenzhen“. Mit der Mitgliedschaft in letzterer Gruppe will er nicht etwa sagen, dass er noch keine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingegangen ist – was in China sowieso noch unmöglich ist. „Das bedeutet vielmehr, dass ich keine Alibi-Ehe mit einer Frau führe“, erzählt er.

Homosexualität in China: Nicht mehr illegal, dennoch geächtet

Seit 1997 ist es in China zwar nicht mehr strafbar, wenn Männer Männer lieben oder Frauen Frauen. Und im Jahr 2001 wurde Homosexualität schließlich von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. Ihre Sexualität frei ausleben können Schwule und Lesben in China dennoch kaum. Denn die Gesellschaft wandelt sich langsamer, als es Gesetze und Richtlinien tun. Vor allem die konfuzianistische Tradition, die Kinder verpflichtet, ihren Eltern Enkel zu schenken, macht es vielen Homosexuellen schwer, zu sich zu stehen. Vor allem, wenn sie Einzelkinder sind. Dann lastet der Druck, sich fortzupflanzen, auf ihnen ganz alleine.

Kein Wunder, dass viele schwule und lesbische Chinesen ihre Sexualität im Geheimen ausleben wollen – und nebenher eine heterosexuelle Ehe führen. Doch trauen sich nur die wenigsten, in einschlägige Szenekneipen oder Clubs zu gehen, um einen Partner für eine Nacht kennenzulernen. Zumal es, von den großen Ostküstenstädten und Metropolen wie Chengdu, kaum Locations gibt, die sich an ein homosexuelles Publikum richten.

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15 Millionen Chinesen nutzen Blued

Einen Ausweg bietet seit einigen Jahren das Internet. Und wer selbst keinen eigenen Computer besitzt, kann in einem der vielen Internet-Cafés, die es in China auch im hintersten Winkel gibt, online gehen. Noch einfacher geht es mit dem Smartphone. Alleine bei Blued sind eigenen Angaben zufolge rund 15 Millionen schwule und bisexuelle Männer aktiv. Damit ist Blued nicht nur Marktführer in China, sondern auch weltweit.

Das chinesische Gesundheitsministerium zeigt Interesse

Gegründet wurde Blued im Jahr 2012. Seitdem wächst die Nutzerzahl rasant. Erst im November investierten Investoren 30 Mio. US-Dollar in das Unternehmen. Bei schätzungsweise 70 Millionen homo- und bisexuellen Männer alleine in China ein gigantischer Markt. Bislang hält sich die chinesische Regierung, die gerne ein wachsames Auge auf soziale Netzwerke wirft, bei Blued zurück. Das chinesische Gesundheitsministerium hatte sogar eine Kooperation mit den Betreibern der App angestrebt, um gemeinsam über HIV und andere Geschlechtskrankheiten aufzuklären.

„Ohne Apps wie Blued“, sagt Max, „wüsste ich nicht, wo ich andere schwule Männer kennenlernen sollte.“ Eine langfristige Beziehung mit einem anderen Mann kann er sich aber noch nicht vorstellen. „Meine Eltern würden das nie akzeptieren!“

Text: Sven Hauberg