Bill Gates: „Chinas Elite spendet zu wenig“

Mark Zuckerberg spendete im letzten Jahr mehr an wohltätige Organisationen als die 100 großzügigsten Spender Chinas zusammen. Dabei leben nur in den USA mehr Superreiche als im Reich der Mitte. Ist Chinas Elite zu egoistisch?

Bill Gates über Spenden in China

Bill Gates / Foto: DFID – UK Department for International Development

Letzte Woche forderte Bill Gates Chinas Elite erneut dazu auf, mehr an wohltätige Organisationen zu spenden. Doch er scheint sich bei den Chinesen die Zähne auszubeißen. Bereits im Jahr 2010 musste er feststellen, dass Chinas Reiche sich nur schwer zur Wohltätigkeit bewegen lassen. Damals lud er zusammen mit Warren Buffet die 50 reichsten Chinesen zu einem Wohltätigkeitsdinner ein. Ziel war es, Chinas Elite für das von Gates und Buffet ins Leben gerufene Giving Pledge zu gewinnen.

Das Giving Pledge ist ein Versprechen, die Mehrheit seines Vermögens für wohltätige Zwecke einzusetzen. Ein Drittel der geladenen Gäste schlug die Einladung aus, einige blieben sogar ohne Absage fern. Von den derzeitigen 122 Unterzeichnern stammen weniger als 10 aus Asien.

Amerikaner spenden zehn Mal mehr

In den letzten Jahren gingen Spenden an gemeinnützige Organisationen in China deutlich zurück. Laut dem Hurun-Report – dem chinesischen Äquivalent des Forbes-Magazins – sanken die Spenden 2013 um satte 44 % gegenüber dem Vorjahr. Im Jahr davor lag der Spendenrückgang sogar bei 55 %.

An einem Mangel an Vermögenden kann es nicht liegen. Nach den USA ist China das Land mit den meisten Millionären und Milliardären. Doch die Reichen in den USA sind sich ihrer sozialen Verantwortung scheinbar deutlich bewusster. Die Bank of America fand in einer Studie heraus, dass Amerikas Reiche und Superreiche in den Jahren 2012 und 2013 im Durchschnitt 9 % ihres Einkommens für wohltätige Zwecke einsetzten. Chinas Reiche und Superreiche hingegen spendeten nur 0.9 % ihres Einkommens – also nur ein Zehntel dessen, was die Amerikaner spendeten.

Sind Chinas Reiche zu geizig und egoistisch?

Nein, ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Im Grunde genommen gibt es nämlich drei Beweggründe, warum Chinas Reiche nicht dem Vorbild der großzügigen Amerikaner folgen:

1. Fehlende Anreize seitens der Regierung

  • Spenden sind in China steuerlich kaum und nur in seltenen Fällen absetzbar. Hinzu kommt eine relativ geringe Erbschaftssteuer. Steuerliche Absetzung und eine hohe Erbschaftssteuer sind in den USA hingegen wichtige Spendenanreize.
  • Zudem fehlen die nötigen Strukturen. In China gibt es lediglich einige regierungsgesteuerte wohltätige Organisationen. Gegenüber NGOs ist die Regierung jedoch misstrauisch und lässt nur wenige gewähren. Die Gründung einer eigenen Stiftung nach amerikanischem Vorbild gestaltet sich daher sehr kompliziert.

2. Misstrauen

  • Skandale über Fake-Organisationen und den Missbrauch von finanziellen Mitteln erschüttern immer wieder das Vertrauen der Chinesen in wohltätige Organisationen.

3. Kulturelle Prägung

  • Bezüglich der Wahrnehmung und der Verteilung von Verantwortung bestehen zwischen China und dem Westen gravierende Unterschiede. Chinesen fürchten beispielsweise als Angeber wahrgenommen und verpönt zu werden, wenn sie öffentlich große Summen spenden.
  • Außerdem sehen sich viele Einzelpersonen gar nicht in der Verantwortung und werden von der Gesellschaft auch nicht unbedingt in der Verantwortung gesehen. Da viele gemeinnützige Organisationen staatlich sind, herrscht die Meinung vor, der Staat solle gemeinnützige Aufgaben übernehmen. Die Oberschicht trägt ihren Teil dazu bei, indem sie Steuern zahlt und ihre Unternehmen sauber führt – so die öffentliche Meinung.
  • Hinzu kommt, dass Unternehmen und Konzerne in China deutlich mehr soziale Verantwortung übernehmen als in den USA. Während in den USA 80 % der Spendengelder von Privatpersonen stammen, tragen Unternehmen nur 14 % bei. In China ist das Verhältnis genau umgekehrt: Der Anteil der Unternehmen liegt hier bei 80 %.

Zeit zu handeln

Chinas Wachstum der letzten Jahre kam vor allem den Privilegierten zu Gute. Die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer. So hat Chinas Landbevölkerung vom Aufschwung bisher nur wenig profitiert.

Auf dem Gini-Index, der die Ungleichverteilung des Wohlstandes in einem Land angibt, belegt China derzeit Rang 27 von 136 Ländern. Sowohl Regierung als auch vermögende Privatpersonen stehen künftig vor der Aufgabe, diese Ungleichheit in den Griff zu bekommen.

 

Text: Verena Weber