Bastel-Freaks, DIY und Hackerspaces: Chinas neu erwachter Erfindergeist

Mit „Made in China“ verbinden wir im Westen oft günstige Massenware oder wenig innovative Produktkopien. Aber ist dieses Vorurteil überhaupt noch aktuell? Werft mit uns einen Blick auf Chinas zukunftsweisende Erfinder-Szene.

transYu Zhilin und Yu Lingyun haben diese Transformers-Modelle gebaut / Foto: Xinhua

Es ist unglaublich, wie ideenreich chinesische Tüftler sind: Von Mini-Lamborghinis, über U-Boote, mechanische Roboter-Pferde, Elektroautos aus Holz, Koffern, die sich in Mini-Motorbikes umfunktionieren lassen, bis hin zu selbst gebauten Panzern – für Chinesen scheint es kaum Dinge zu geben, die man nicht eigenhändig anfertigen kann. Was auf uns sympathisch-skurill wirkt, ist für manche der Erfinder wie den U-Boot-Bauer Du Xiutang aus Shaanxi eine Lebensaufgabe, die sie finanziell an den Rand der Existenz bringt – für andere wie den Transformers-Entwickler Yu Zhilin und seinen Sohn Yu Lingyun aus Hunan, hingegen eine lukrative Einnahmequelle. Mit dem Verkauf und der Vermietung ihrer riesigen Transformers-Roboter haben sie bereits über 1 Million Yuan (fast 150.000 Euro) verdient. Beispiele wie diese zeigen, dass DIY auch in China enorm angesagt zu sein scheint. Doch handelt es sich hierbei nur um einen kurzzeitigen Trend?

Trotz Konfuzianismus und Kulturrevolution: Erfindergeist und Improvisationsfreude ungebrochen

Mit dem Reich der Mitte assoziieren wir primär die Produktion von Plagiaten und eine perfektionierte Kultur des Kopierens. Dabei stammen viele bahnbrechende Erfindungen in der Geschichte der Menschheit ursprünglich aus China. Was ist im Lauf der Jahrhunderte aus dem chinesischen Efindergeist geworden? Völlig erloschen ist er mit Sicherheit nie, allerdings haben die Zeit des Konfuzianismus und nicht zuletzt die Kulturrevolution dazu beigetragen, dass individuellem Innovationsgeist oder schöpferischer Kreativität kein allzu hoher Stellenwert beigemessen wurde. Dies hat sich durch die wirtschaftliche Öffnung der Volksrepublik inzwischen verändert.

Mittlerweile gilt China als großer Innovator und belegt aktuell weltweit die Spitzenposition bei der Anzahl von Patentanmeldungen. Hinzu kommt die unnachahmliche Improvisationsfreude der Chinesen, von der auch der seit zehn Jahren in China lebende Autor Christian Y. Schmidt im Interview mit 21China berichtet: „Ich denke, das ist eine ziemlich chinesische Eigenschaft, die sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Die Chinesen sind Meister im Improvisieren. Hier muss nichts hundertprozentig sein, egal, worum es sich handelt. Wenn irgendetwas nicht klappt, wird es halt noch mal versucht, nur ein bisschen anders.“

„Bergdörfer“ kooperieren mit Hackerspaces: aus Plagiat-Fabriken werden Innovationsförderer

Das erklärt möglicherweise auch den Boom der DIY- und Maker-Kultur in China während der letzten Jahre. Seit 2010 haben sich diese Bewegungen in der Volksrepublik stark verbreitet. Immerhin 30 unabhängige Hackerspaces gibt es heute chinaweit. Eines der ersten und bekanntesten ist XinCheJian in Shanghai. XinCheJian-Mitbegründer David Li erklärt, warum DIY in China ein erfolgversprechendes Modell sein könnte: „Vielleicht setzt sich die DIY-Kultur in China etwas langsamer durch, aber wir befinden uns direkt an der Fertigungskette.“, und „Jeder kennt jemanden, der im Produktionsbereich arbeitet. Dadurch ist es einfacher, Entwicklungen von Hobbyisten in größerem Maßstab produzieren zu lassen.“

Unerwartetes Entgegenkommen erhalten die DIY-Anhänger dabei ausgerechnet von sogenannten Shanzai-Firmen. „Shanzai“ bedeutet auf Deutsch soviel wie „Bergdorf“ und steht in der Volksrepublik als Synonym für eine typische Plagiate-Produktionsfirma. Kooperationen von Hackerspaces und Shanzai-Firmen sind für beide Seiten gewinnbringend: Erfinder haben die Möglichkeit, ihre Prototypen kurzerhand in Massenprodukte zu verwandeln, die Shanzai-Unternehmen wiederum profitieren von der Innovationskraft der DIY-Anhänger.

Regierung betont Wichtigkeit von Innovation für chinesische Wirtschaft

Bei den öffentlichen Mittwochs-Meet-ups von XinCheJian treffen sich jede Woche zwischen 30 und 150 Interessierte. Ihre Fähigkeiten setzen die Bastler auch für soziale Zwecke ein: Beispielsweise wurden ferngesteuerte Modellautos im Rahmen eines Hackathons so umgebaut, dass sie für Kinder mit Behinderung als Spielzeuge geeignet sind, danach wurden die Autos an lokale Wohltätigkeitsorganisationen gespendet.

Das große Potenzial von Chinas Maker-Bewegung hat auch die Regierung erkannt. Ministerpräsident Li Keqiang hob bei einem Besuch des Hackerspaces Chaihuo in Shenzhen im Januar hervor, welche „wichtige Rolle Innovation für die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft spielt“. In Shanghai wurde bereits 2011 von staatlicher Seite die Einrichtung von 100 weiteren Hackerspaces geplant, inklusive einer finanziellen Start-Förderung von 50.000 Yuan für jeden der Tüftler-Treffpunkte. Für chinesische Unternehmen ist Innovationskraft heute ebenfalls ein Schlüsselfaktor. Auch wenn die Firmen sich derzeit unter anderem aufgrund hierarchischer Strukturen damit noch etwas schwertun – unsere bisherige Vorstellung von „Made in China“ sollten wir überdenken.

Text: Rosi Bach