Mit dem Fahrrad durch China IV: Grenzgang auf 4.000 Metern

Für ihr Projekt Chinacrossing durchqueren Melanie und Sebastian China mit dem Fahrrad. Auf dem Pass nach Xining bringt das Wetter sie an ihre Grenzen – und ein Unfall. Ein Erlebnisbericht.

Schroffes Gebirge in China

Zurück in die Höhe

Nach einem Besuch der weltweit größten Gebetsmühle in Sunan schwingen wir uns wieder auf die Räder. Unser nächstes großes Ziel lautet Xining – Hauptstadt der Provinz Qinghai. Hier müssen wir in knapp zwei Wochen unsere Visa verlängern. Die Zeit drängt etwas, doch den kleinen Umweg durch die sicherlich wunderschönen Berge wollen wir uns nicht nehmen lassen.

Gebetsmühle in China

Lamm-Gebirge-China

Die ersten Kilometer fliegen wir nur so dahin. Wir können es kaum erwarten, wieder in den Bergen zu sein und mit den atemberaubenden Aussichten der letzten Tage belohnt zu werden. Doch unsere Euphorie wird plötzlich gebremst: Der Asphalt endet abrupt und die Straße verwandelt sich in einen Holperpfad mit riesigen Schlaglöchern und Steinen. Im ersten Gang holpern wir bei sechs Stundenkilometern mühsam die stetig steiler werdenden Serpentinen empor. Die Fahrt ist mühsam und wir kommen nur langsam voran, doch die zauberhafte Landschaft entschädigt für alle Strapazen. Auf den Almen mäht es von überall, kleine Lämmer laufen uns hinterher und jeder noch so steile Hang ist voll mit weidenden Bergziegen. Es ist frühlingshaft warm, die dicke Eisschicht des Flusses beginnt allmählich zu schmelzen und kündigt an, dass die noch eher karg bewachsenen Berge schon bald in saftigem grün erstrahlen werden.

 

Übernachtung im Geisterdorf

Geisterstadt in China

Zwei Tage lang bahnen wir uns unseren Weg in Richtung Pass. Die Landschaft wird zunehmend schroffer und der Weg immer steiler. Endlich erreichen wir den Talboden, der noch mit dicken Eis- und Schneeplatten gesäumt ist.

Das Schmelzwasser hat die Straße in eine tiefe Schlammpfütze verwandelt. Nur mühsam kommen wir noch voran. Ich steige ab und lehne mich mit meinem ganzem Gewicht gegen den Lenker. Sebastian fährt ein Stück vor mir und tritt mit aller Kraft in die Pedale. „Oh, nein!“, entfährt es mir plötzlich. Sebastians Riemen baumelt nur noch lose am Fahrrad. Ist er etwa gerissen? Wir sind auf 3.300 Metern Höhe, die nächste Stadt ist auf der anderen Seite des Passes und es beginnt bereits zu dämmern.

Wir haben Glück im Unglück und der Riemen ist nur heruntergesprungen. Wir versuchen den Riemen vom gefrorenen Matsch zu befreien. Ich hebe Sebastians Hinterrad samt Ladung an, während er versucht den Riemen wieder einzuhängen. Mit der Dämmerung wechselt auch das Wetter. Es beginnt zu schneien. Der Wind ist eisig. Trotz vor Kälte starrer Finger schafft Sebastian es das Fahrrad wieder startklar zu bekommen. Doch an die Weiterfahrt ist bei diesem Wetter nicht mehr zu denken. Wir entdecken einige verlassene Bauernhöfe und versuchen Unterschlupf zu finden. Der Innenhof einer alten Schule ist schließlich unsere Rettung. Gebettet auf 20 Zentimetern Schafscheiße und Stroh verbringen wir eine trockene und windgeschützte Nacht.

Der nächste Morgen begrüßt uns wieder mit Sonnenschein. Es ist ein merkwürdiger Ort, an dem wir übernachtet haben. Zahlreiche Höfe, die Schule und sogar ein kleiner Stadtpark scheinen seit Jahren verlassen zu sein und verfallen der rauen Witterung ausgesetzt allmählich. Der Gedanke, dass einmal Kinder auf dem Pausenhof gespielt haben, auf dem nun unser Zelt steht, ist kaum mehr vorstellbar.

 

Grenzen

Gebirge in China

Die Serpentinen werden nun so steil, dass ich sie bei dieser Höhe nur noch schiebend bezwingen kann. Sebastian radelt stoisch vor mir her. Die Baumgrenze haben wir längst hinter uns gelassen. Nur nackter Fels, Eis und Schnee stehen uns bevor. Es ist inzwischen später Nachmittag und entgegen aller Erwartungen haben wir den Pass noch immer nicht erreicht. Wir begegnen einigen Bauarbeitern und erkundigen uns nach dem Weg. Über unser Vorhaben, noch heute den Pass zu überqueren, scheinen sie sichtlich erschrocken. Sie selbst würden heute nicht einmal mehr mit den Auto den Weg zum Pass antreten. Das Wetter schlage jeden Augenblick um und der Weg führe noch weitere 300 Höhenmeter auf über 4.000 Meter in Eis und Schnee.

Wir blicken dem weiteren Verlauf der Straße nach. Der Weg wurde in die Flanke eines gewaltigen Berges gesprengt, hinter dem er in der Ferne verschwindet. Sollte uns hier ein Unwetter überraschen, gäbe es kein Entkommen. Und tatsächlich: Wie auf ein Kommando hin, ziehen dunkle Wolken auf. Der Pass, der schon zuvor fast unbezwingbar wirkte, zeigt nun seine Zähne! Wir überlegen kurz, ob wir hier übernachten und auf besseres Wetter warten sollen, doch die Höhe und der gnadenlose Wind nehmen uns die Entscheidung ab. An Zelten ist nicht zu denken. Schweren Herzens fällen wir eine Entscheidung: Wir kehren um. Es ging uns bei unserer Reise auch ein Stück weit darum, Grenzen auszutesten. Hier sind sie nun also und wir halten es für das Richtige, sie uns einzugestehen.

Wir treten die holprige Nacht-Abfahrt zurück nach Sunan an. Immer wieder rutschen uns die Hinterräder im Sand weg oder wir übersehen in der Dunkelheit große Steine. Es kommt, wie es kommen muss. In voller Fahrt holpert mein Hinterrad in ein Schlagloch, ich verliere die Kontrolle und lande samt Fahrrad unsanft auf dem Schotter. Zum Glück ist außer ein paar Schürfwunden nichts passiert und wir radeln mit einem Schrecken davon.

Sunan ist nun leider zur Sackgasse geworden und wir nehmen am nächsten Tag den Weg nach Zhangye, um von dort auf der Hauptstraße nach Xining zu fahren. Auch wenn wir umkehren mussten, gehört unsere Fahrt zum Pass nach Qilian definitiv zu den Erlebnissen, die wir auf keinen Fall missen wollen.

 

Text & Fotos: Melanie & Sebastian von Chinacrossing