Die Partei im Nacken
Mo Yan hat sich mit seinen Äußerungen zur Zensur keinen Gefallen getan. Doch ihm die Schuld an seinen Aussagen zu geben, wäre naiv. Die Partei sitzt dem Schriftsteller im Nacken.
Der Westen ist sich einig: Chinas Literatur-Nobelpreisträger hatte am Donnerstag die Möglichkeit, sich kritisch vor der Weltöffentlichkeit über die Zensur in seinem Heimatland zu äußern. Doch Mo Yan entschied sich anders. Er rechtfertigte Zensur, indem er sie mit lästigen, aber notwendigen Kontrollen am Flughafen verglich. Experten erkannten in seiner Aussage den typisch relativierenden Parteisprech.
Hatte Mo Yan wirklich die Chance, China öffentlich zu rügen? Vermutlich nicht in dem Maße, wie sich der Westen das vorstellte. Zumindest nicht, ohne seine Existenz zu gefährden. Die Äußerungen des Schriftstellers erwecken nicht ohne Grund den Anschein eines Parteidiktates. Ob Mo Yan von seinen Aussagen überzeugt ist, ist deshalb zu bezweifeln. Sein plötzliches Image als Parteidiener ebenfalls.
Seine Parteimitgliedschaft ist indes – um bei seinen Worten zu bleiben – als notwendiges Übel zu betrachten. Mo Yan kritisiert schon immer nur im Rahmen der Möglichkeiten. Gerade das macht ihn für Leser so spannend. Denn außerhalb der Parteispielregeln ist öffentliche Kritik in China kaum möglich. Auch ein Grund, weshalb sich Mo Yan in seinen Aussagen und Werken häufig in Analogien, Märchen und Metaphern verstrickt.
Es stellt sich die Frage, was Mo Yans Kritik am chinesischen System verändert hätte. Es hätte den Westen in seinen Urteilen bestärkt, in China wäre die Kritik totgeschwiegen worden. Die Volksrepublik hätte sich weder reuig gezeigt, noch hätte es eine Konterrevolution gegeben. Die persönlichen Konsequenzen für den Nobelpreisträger wären hingegen unabsehbar gewesen. Ein Schicksal wie das anderer prominenter Oppositioneller wäre nicht auszuschließen gewesen.
Mo Yan ist kein dummer Mann. Er wusste bereits vor seinen Äußerungen, was der Westen von ihnen halten würde. Ihn einen Opportunisten oder Kollaborateur zu nennen wäre falsch. Dass die Partei ihm eine andere Wahl ließ, ist nur schwer vorstellbar. Jetzt sind seine Aussage und die Reflexe des Westens darauf Auslöser einer kontroversen Diskussion – was der KP nicht sonderlich gefallen dürfte.
Text: Adrian Kummer

