5 Stimmen von Hong Kongs Bürgern: Gehen oder Nichtgehen, das ist hier die Frage

In den Medien sehen wir täglich neue Bilder der protestierenden Massen in Hong Kong. Doch was denken die Bürger der Stadt eigentlich über den Protest? Wir haben uns in Hong Kong umgehört.

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Aktivisten gesternabend im Zentrum von Hong Hong / Foto: Calvin YC

Derzeit gibt es viele Neuigkeiten über die Demokratiebewegung in Hong Kong. Doch nur selten wird im Detail erläutert, was die dort lebenden Menschen wirklich denken. Warum gehen die Leute eigentlich auf die Straße? Und was für Gründe haben diejenigen, die zuhause bleiben?

Nach unseren Interviews konnten wir feststellen: Unter den Studenten und sogar innerhalb von Familien unterscheiden sich die Meinungen gehörig.

Curtis: „Hong Kongs letzte Chance auf Demokratie“

Seit letzten Samstag verbringt HKU-Student Curtis Chan jeden Tag fünf bis sechs Stunden im Hong Konger Ortsteil Admiralty. „Ich gehe da hin, weil ich glaube, dass es Hong Kongs letzte Chance auf Demokratie ist. Ich lebe in einem öffentlichen Wohnungsbau und alle Läden im Erdgeschoss werden von der Wohnsiedlung in Beschlag genommen. Ohne Demokratie kann ich diese Situation nicht verändern. Und außerdem ist es für mich als Student leichter, die Uni zu schwänzen, als für die Berufstätigen, die streiken müssen, um ihre Unterstützung zu zeigen. Darum denke ich, dass ich mitmachen sollte.“

Und Curtis ist zufrieden mit der aktuellen Situation. „Ich machte mir zunächst Sorgen, dass die Bewegung Hong Kong lahmlegen könnte, aber der Alltag der Menschen wird nicht zu sehr gestört und alles verläuft recht friedlich. Ich glaube, wir werden so irgendwann Erfolg haben – obwohl es noch besser wäre, wenn noch mehr Menschen an den Protesten teilnehmen würden.

Hongkong Protest Curtis

Curtis Chan (Mitte) und seine Freunde nehmen jeden Tag an der Demonstration in vor allem in Admiralty teil. Foto / Leafia Ye

Jennifer: „Mein Vater schrieb mir eine SMS, dass ich mich aus der Politik raushalten sollte“

Jennifer studiert Politik und sie begann aus Wut über die Polizeigewalt am Samstag zu protestieren. „Ich schaute zuhause fern und konnte mich nicht mehr vom Fernseher losreißen – bis ich es um 6 Uhr morgen schließlich nicht mehr aushielt, und nach Admiralty ging.“ Sie glaubt, dass viele der Demonstranten aus Sympathie für die Bewegung hier sind, weil die Polizei mit Tränengas und Pfefferspray gegen die Aktivisten vorging.

Wie viele andere, konfrontiert sie die Teilnahme mit Druck von Seiten ihrer Familie. „Mein Vater lebt nicht in Hong Kong, aber er schrieb mir eine SMS, dass ich mich  als Studentin aus der Politik raushalten sollte. Das halte ich für Nonsens. Schließlich ist Politik mein Hauptfach!“

Jack: „Das Opfer ist mir zu groß“

Jack ging nach Mong Kok, einem der größten Sammelpunkte des Protests – jedoch nur für eine Stunde. „Ich hätte mich merkwürdig gefühlt, wenn ich überhaupt nicht mitgemacht hätte. Als ich am Montag in die Uni ging, war der Campus wie leergefegt, weil so viele den Unterricht boykottierten. Sogar ein Freund vom Festland erzählte mir, dass er Vorräte zur Unterstützung kaufen wollte. Da habe ich mich ein wenig geschämt.

Doch angesichts der Risiken, wird Jack sich nicht aktiv beteiligen. „Auf Facebook schreibe ich öfter darüber, wie wichtig Demokratie für uns ist. Aber das ist jetzt etwas anderes. Wenn mich jemand filmt oder ich festgenommen werde, könnte ich nie wieder bei der Regierung oder auch nur einem Hong-Kong-China-Joint-Venture arbeiten. Dieses Opfer ist mir dann doch zu groß.“

Jack weiß zudem, dass seine Familie gegen die Proteste ist. „Sie sind zwar für Demokratie, aber sie hassen es, dass die Hauptstraßen verstopft sind und sogar Buslinien wegen den Aktivisten verlegt werden müssen.“

Liu: „Vielleicht werde ich in zehn Jahren nicht mehr nachvollziehen können, warum ich all das tat“

Studentin Liu gibt zu, dass sie zum Teil auch aus Gruppenzwang an Occupy Central mitmacht. „Am Samstag wurden viele meiner Freunde in Admiralty mit Tränengas attackiert. Sie taten mir Leid und ich bekam sofort Schuldgefühle.“ Danach zog sie los, um selbst in der Menge zu stehen.

„Vielleicht werde ich in zehn Jahren nicht mehr nachvollziehen können, warum ich all das tat.“ Liu kann zwar nicht alle Gründe für die Bewegung erläutern. Dennoch denkt sie, dass es keinen Grund gibt, nicht mitzumachen.

Mit Kurzteilnehmer Jack hat sie eines gemein: Sie sieht den Ausgang der Proteste eher pessimistisch. „Die Regierung will uns zermürben“, sagt Jack, „und bald werden die Menschen kein Lust mehr haben.“

Julia: „Demokratie passt nicht zu allen Teilen der Welt“

„Am Anfang dachte ich, ich sei kaltherzig, weil ich Occupy Central nicht unterstütze“, sagt Studentin Julia aus Hong Kong. „Ich sprach danach mit vielen Leuten und setzte mich mit dem Thema auseinander. Doch auch jetzt noch würde ich nicht mitmachen.“

Julia liest dieser Tage fast alles zum Thema, von den großen Zeitungen bis hin zu kleinen Blogs. Was ihr dabei auffällt: Die Aktivisten kämpfen für etwas, dass sie weder verdienen noch erreichen können.

„Ich glaube nicht, dass Demokratie zu allen Teilen der Welt passt. Wenn man sich Länder anschaut, denen es mit Demokratie gut geht, weisen die Bürger dort ein hohes Maß an Disziplin und politischem Wissen auf. Aber in Hong Kong merkt man, dass die Bürger noch nicht wissen, was sie wirklich wollen. Erst forderten sie wirklich freie Wahlen, aber jetzt scheint es, als läge der Fokus plötzlich auf dem Rücktritt von Hong Kongs Verwaltungschef Leung.“

Geht es nach Julia, sind Hong Kongs Bürger noch nicht bereit für Demokratie – von der Wirtschaft ganz zu schweigen. „Tatsächlich ist die Politik sogar jetzt schon beeinflussbar. Dazu müssten sich die Leute nur einmal die Entscheidungen des Nationalen Volkskongresses genauer ansehen. Darum hoffe ich, dass eine geeignete Person die künftige Führung Hong Kongs übernehmen wird.“

Doch ihre Gedanken schweigt Julia dieser Tage lieber aus. „Ich teilte meine Meinung mit einigen Freunden, aber sie reagierten überrascht und konnten mich nicht verstehen. Einige Diskussionen endeten sogar im Streit.“

 

Text: Leafia Ye